Als Single versöhnt mit seiner Sexualität leben? Das geht. Doch um es gleich ganz klar zu sagen: Singles sind keine asexuellen Wesen. Wobei ich manchmal den Eindruck gewinne, dass Sexualität als Thema nur für Paare relevant ist. Lust und Frust im ehelichen Schlafzimmer werden inzwischen in zahlreichen Seminaren thematisiert. Selbst von der Kanzel gibt es hilfreiche Impulse für eine glückliche sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau. Aber wo kommt das Thema Sex für Alleinlebende zur Sprache? Dabei ist Sexualität für sie genauso präsent, wie für Leute, die in Paarbeziehungen leben.

 

Sexualität spielt immer eine Rolle, unabhängig vom Familienstand. Sie ist eine Schöpfergabe an jeden einzelnen Menschen. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Geschlechtlichkeit“. Dabei geht es immer auch um die persönliche Identität. Ich denke, fühle und lebe in der Bindung an meine geschlechtliche Identität. Menschen haben nicht Sex, sondern sind Sexualwesen.

 

Alleinlebenden geht es nicht anders als Paaren. Sie kennen die gleichen sehnsuchtsvollen Wünsche, verspüren ähnliche erotische Gefühle und hoffen ebenso auf intime Nähe. Für beide Gruppen ist und bleibt das Thema „Sex“ spannend und manchmal auch spannungsreich. Wer als Solist lebt, wird genauso mit seiner Geschlechtlichkeit konfrontiert, wie derjenige, der in einer Partnerschaft zu Hause ist. Die Lebenswirklichkeiten mögen sehr unterschiedlich sein, aber wir bleiben durchdrungen von sexueller Lebenskraft. Im Folgenden möchte ich einige Gedanken formulieren, die Singles anregen können, ihre Sexualität aus einem neuen Blickwinkel heraus zu betrachten.

 

1. Sexualität spiegelt eine Sehnsucht wider

Sexualität spiegelt die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen und erfüllten Leben wider. Man fühlt sich zu einem anderen Menschen hingezogen, eben weil er oder sie so ganz anders ist, ersehnt das Zusammensein, die Ergänzung und letztlich auch die Verschmelzung. Im Schöpfungsbericht der Bibel ist davon die Rede, dass Adam und Eva „ein Fleisch“ wurden, das heißt auf körperlicher und seelischer Ebene miteinander verschmolzen. So verbirgt sich hinter aller Sehnsucht nach dem Liebespartner letztlich die Hoffnung ganz zu werden, eins zu werden und die eigenen Grenzen zu überwinden. Alle Menschen, ob ledig oder verheiratet, bleiben sehnsuchtsvoll Suchende. Denn in der sexuellen Vereinigung wird diese Sehnsucht ansatzweise erfüllt, aber nie ganz und dauerhaft. Und so bleiben beide trotz gelebter Intimität immer auch in sich begrenzt.

Sexualität spielt immer eine Rolle, unabhängig vom Familienstand. Ich denke, fühle und lebe in der Bindung an meine geschlechtliche Identität. Menschen „haben“ nicht Sex, sondern „sind“ Sexualwesen.

In unseren Vorstellungen über Liebe, Partnerschaft und Sexualität glauben wir dem alten Mythos, dass eine Liebesbeziehung alle unsere unerfüllten Wünsche erfüllen, alle Hoffnungen belohnen und alle inneren Grenzen überwinden wird. Wenn ich erst die große Liebe gefunden habe und mit ihr eins werde, so die Annahme, werde ich mich glücklich, zufrieden und umfassend erfüllt fühlen. Doch diese hoffnungsschwere Erwartung ist immer größer als ihre Erfüllung. Kein anderer Mensch kann letztlich zum Glücksboten meines Lebens werden. Niemand vermag meine unerfüllten Sehnsüchte ganz zu stillen oder meine erlittenen Defizite auszugleichen.

 

Als Paartherapeut begleite ich immer wieder Menschen, die trotz Partnerschaft und Ehe an ihre eigenen Begrenzungen stoßen, Einsamkeit erfahren und mit ungestillten Bedürfnissen klarkommen müssen. Auch wenn die Liebe erfüllende Momente bereithält und sich beide mit Zärtlichkeit und leidenschaftlicher Lust beschenken – die letzte und tiefste Lebenserfüllung hängt nicht vom Familienstand ab. Wer alleine lebt, ist herausgefordert, seiner Sehnsucht auf den Grund zu gehen: „Was treibt mich im Innersten meiner Seele an? Welcher Raum in meinem Denken und Fühlen, in meinem Herzen, fühlt sich unausgefüllt an?“

 

Diese Sehnsucht gilt es anzunehmen und sie nicht exklusiv auf eine mögliche Partnerschaft zu fokussieren, sondern sie auf Gott hin auszurichten. Er allein vermag das Vakuum meines Herzens auszufüllen und meinem Leben auf einer tieferen Ebene Ganzheit zu schenken. Das Heil und Heilwerden meiner Begrenzungen finde ich nicht bei einem anderen Menschen, sondern bei Gott. Die sogenannten „Mystiker“ haben ihre sehnsuchtsvolle Power in eine persönliche Beziehung zu Gott investiert. Mit ihrem Glauben strebten sie nach Gotteserfahrungen, die ihnen eine intime Nähe schenken sollten, eine Erfahrung vom „Einswerden“ mit Gott.

 

Nun müssen nicht alle Singles zu Mystikern werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass der christliche Glaube eine Antwort auf unsere Ursehnsucht nach dem Du, nach dauerhafter Erfüllung gibt. In einer persönlich gelebten Beziehung zu Gott und Jesus Christus werde ich in einen tiefen Frieden eintauchen, auch wenn manche Hoffnungen auf gelebte Sexualität unerfüllt bleiben. Wer mit seiner Ursehnsucht hinter allen sexuellen Wünschen in Kontakt kommt, begegnet der Ursehnsucht seines Herzens nach Gott.

Fragen zur Reflexion

Welche Hoffnungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte nimmst du in dir wahr?

 

Welche davon könnte eine Partnerschaft stillen, welche blieben ganz oder teilweise unerfüllt?

 

Wie könntest du deine Ursehnsucht mitnehmen auf einen spirituellen Weg?

2. Sexualität ist auf Fruchtbarkeit angelegt

Jeder von uns möchte fruchtbar und auch auf eine gewisse Weise produktiv leben. Wir möchten etwas erreichen, erschaffen und aufbauen. So lautet ja auch der Schöpfungsauftrag an uns Menschen, fruchtbar zu sein und die Erde zu bebauen und zu bewahren. Ein wichtiges Ziel von Sexualität ist die Zeugung von Nachkommen. Paare „setzen“ Kinder in die Welt und sichern so den Fortbestand.

 

Aber auch Alleinlebende können durchaus ihr Leben sehr fruchtbar gestalten. Sie sind begabt, etwas Neues ins Leben zu rufen und ihren Alltag mit viel Kreativität zu gestalten. Ich kenne viele Singles, die ihrer Fruchtbarkeit Raum geben und sie in die eigene Lebenswirklichkeit integriert haben. Auch wenn der Kinderwunsch aus ganz unterschiedlichen Gründen versagt geblieben ist, können im übertragenen Sinn „Kinder“ ins Leben gesetzt werden. Zum Beispiel entfaltet sich kreatives Engagement, wenn eine Singlearbeit initiiert wird. Ein musisch Begabter lebt seine schöpferische Kraft aus, indem er eine Band gründet oder sich in einen Chor einbringt. Warum nicht einfach einmal die eigene Wohnung renovieren und eigene Wohnraumideen in die Tat umsetzen? Ich bewundere kreative Köpfe, die beispielsweise individuelle Grußkarten entwerfen und an Freunde verschicken. Letztlich sind der eigenen Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Auch Alleinlebende können durchaus ihr Leben sehr fruchtbar gestalten. Sie sind begabt, etwas Neues ins Leben zu rufen und ihren Alltag mit viel Kreativität zu gestalten.

Ich denke an einige eindrückliche Begegnungen mit Ordensmännern im Kloster zurück. Sie hatten sich zu lebenslanger Keuschheit und Kinderlosigkeit verpflichtet. Und obwohl sie keine sexuellen Beziehungen lebten, strahlte ihre Persönlichkeit eine für mich faszinierende Lebendigkeit aus. Sie wirkten auf eine besondere Art fruchtbar in ihre Umgebung hinein. Ihre schöpferische Kraft ließen sie in den Dienst an anderen Menschen und Gott fließen. Wie diese Ordensleute kann jede und jeder bleibende Spuren in diesem Leben hinterlassen. Wir wirken produktiv, wenn wir unsere Lebensumstände verändern und mutig neue Aufgaben anpacken.

Fragen zur Reflexion

An welchen Punkten deiner Biographie hast du dich schöpferisch erlebt? An welche guten Erfahrungen kannst du heute anknüpfen?

 

Welche Ideen spuken dir schon länger im Kopf herum? Wie könntest du eine deiner Ideen ganz praktisch angehen und schrittweise umsetzen?

 

Welche Menschen aus deiner Umgebung leben fruchtbar und kreativ? Was könntest du dir von ihnen abschauen?

3. Sexualität bedeutet Hingabe

Wer einen anderen Menschen liebt, gibt sich ihm auf eine umfassende Weise hin. Die sexuelle Hingabe in einer Ehe braucht einen Treuerahmen, um sich geschützt entfalten zu können. Ich gehöre nicht mehr mir selbst, sondern verschenke mich an das geliebte Du.

 

Dieser Aspekt von Sexualität kann gelebt werden in der Hingabe an eine wichtige Lebensaufgabe. Jedes leidenschaftliche Engagement in meinem Beruf oder einer ehrenamtlichen Aufgabe verlangt meine Hingabe. Ich bin ganz bei der Sache und investiere Herzblut. Ich identifiziere mich mit einer besonderen Herausforderung und gebe mein Bestes, um sie zu bewältigen. Aber auch im Blick auf Menschen meiner Umgebung, die mir etwas bedeuten, kann ich Hingabe leben. Ich gebe mich in freundschaftliche Beziehungen hinein und bringe meine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle ein. Ich lebe treuevolle freundschaftliche Beziehungen und bin ganz für einen anderen Menschen da, begleite ihn durch dick und dünn. Der andere weiß, dass er sich auf mich verlassen kann.

 

Ich finde es klasse, wenn Alleinlebende sich in Patenschaften einbringen und Kinder als unterstützende Freunde ins Erwachsenenleben hinein begleiten. Wenn ich mich an eine Aufgabe oder in eine Freundschaft hingebe, lasse ich mich selbst ein gutes Stück los. So kann ich eine Facette meiner Sexualität ausleben, auch ohne verheiratet zu sein.

Fragen zur Reflexion

Wie könnte für dich ein Lebensstil der Hingabe aussehen? In welche Aufgaben willst du dich vermehrt oder ganz neu hineingeben?

 

Welche Ideen kommen dir in den Sinn, wie du gute Freunde und Freundinnen begleiten und bereichern kannst? Wer braucht in diesem Moment deine tatkräftige Unterstützung, ermutigende Worte oder dein offenes Ohr?

Matthias Hipler

ist Coach und Theologe und betreibt eine Praxis für Psychotherapie, Paartherapie und Coaching in Hanau.

 

www.psychotherapie-hipler.de

 

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