In einem Lied der Band „Faithless“ heißt es: „Dies ist meine Kirche. Dies ist der Ort, an dem ich meine Wunden heilen lasse.“ – Ja, das sollte Kirche sein. Doch für körperlich, vor allem aber für psychisch erkrankte Menschen, kann der Traum von christlicher Gemeinschaft manchmal auch zum Alptraum werden. Aber warum ist das so? Was läuft hier falsch?

Ein lieber Freund sagte einmal sinngemäß zu mir: „Warum neigen Christen nur so oft zum Entweder-Oder – zum Beispiel beim Thema ,Heilung‘? Entweder bauen wir behindertengerechte Zugänge in unsere Kirchen – oder aber wir beten um völlige Heilung. Warum aber tun wir nicht beides mit gleicher Energie?“

 

1. Geistliche Abkürzungen vermeiden

Wo liegt das Problem? Wenn jemand trotz vieler Gebete nicht geheilt wird, geraten manche Christen unter Druck. Sie ertragen die Spannung zwischen Gottes Verheißung der Heilung und der Realität des Leidens nicht, sie wollen diese auflösen und am besten dabei auch noch Gott verteidigen, wobei auf folgende vermeintliche Logik zurückgegriffen wird: Da Gott allmächtig und die Liebe ist, muss das Ausbleiben der Heilung entweder die Schuld des Erkrankten sein („Du glaubst zu wenig“) – oder sogar gleich die des diabolischen Gegenspielers („Da hast du sicher dem Teufel in deinem Leben Raum gegeben“).

Hier kann ich nur warnen: Finger weg von geistlichen Abkürzungen! Denn diese sind nicht selten fahrlässig und traumatisieren Ratsuchende zusätzlich, weil eine solche Sicht dem Leidenden eine zusätzliche Last aufbürdet, indem sie seine Gottesbeziehung in Frage stellt.

Mutig, ja, verwegen um Heilung zu beten und gleichzeitig Ratsuchende in ihrem Leid zu begleiten – das ist kein Widerspruch.

Vielmehr muss Gemeinde lernen, Menschen in ihrem Ist-Zustand ernst- und anzunehmen und nicht nach Abkürzungen für eine Spannung zu suchen, in die Gott uns fruchtbar hineinstellt, damit wir in ihr reifen und unser Glaube an Vertrauen gewinnt. Mutig, ja, verwegen um Heilung für Körper, Geist und Seele zu beten und gleichzeitig Ratsuchende in ihrem Leid zu begleiten – das ist kein Widerspruch. Denn als Glaubende sind wir zu jeder Zeit in diese zweifellos spannende Wirklichkeit zwischen Himmel (= völlige Heilung) und Erde (= weiterhin Krankheit oder Störung) gestellt – und genau dort treffen wir auf den gekreuzigten, mitleidenden Christus. Dies aufzulösen zu versuchen, bedeutet aber nicht weniger, als dass wir selbst die Kontrolle übernehmen und uns damit der vertrauenden Abhängigkeit von Christus entziehen.

 

2. Gemeinschaft als Ort der Gabe und Gefährdung

Ich weiß, dass an Körper und/oder Psyche erkrankte Christen diesbezüglich leider noch immer zu oft negative Erfahrungen machen. Deswegen ist mir an dieser Stelle wichtig, auf eins hinzuweisen: In der christlichen Gemeinschaft liegen Gabe und Gefährdung oft eng beieinander. Wann immer Ratsuchende sich öffnen, machen sie sich verletzlich – und manchmal werden sie leider auch verletzt! Und doch bietet gerade die persönliche Atmosphäre einer christlichen Gemeinde die wunderbare Chance, zum Schutzraum und einem echten, tragenden Halt in als untragbar empfundenen Zeiten zu werden.

 

Bei allem Schwierigen bleibt: Die christliche Gemeinschaft ist Gottes Traum von einer heilsamen Gemeinschaft. Wie aber kann sie das immer mehr werden? Und wie können Risiken minimiert werden? Mit diesem Fragen stehen wir an einer entscheidenden Stelle: Wer Menschen vorschreibt, wie sich ein „richtiger Christ“ zu sein hat – stark, möglichst sündlos, sichtbar gesegnet und gesund –, lässt den Schutzraum der Gnade implodieren. So wird der eigentlich heilsame Raum der Gemeinde zum toxischen Raum, in dem Menschen Fassaden aufbauen, um nach außen „richtig“ zu sein, während nach innen das Leid tobt.

Heil werden kann nur, wer in Ganzheit vorkommen darf.

Gesetzeskataloge und fromme Erwartungshaltungen sind Schamerzeuger. Dort aber, wo wir einander als Begnadigte begegnen, sind wir auf Augenhöhe. Der Weg der Veränderung und auch der Heilung darf im christlichen Glauben niemals über Regeln und frommen Zwang laufen, sondern muss Gnade atmen. Gnade setzt frei von Schuld und Scham und ermöglicht uns damit, auch zu inneren Verfassungen wie Traurigkeit, Melancholie, Zweifel, Ängsten oder Depressionen angstfrei zu stehen. Gnade betont die Zusagen Christi für einen Menschen, sieht im Gegenüber das Potenzial, nicht den Mangel, und ermutigt zum Hineinleben in das Gute und Heile, das Gott für jeden von uns will. Wenn Gnade zum Grundrauschen einer Gemeinde wird, werden Menschen dazu befreit, auch ihre inneren Kämpfe und ihre Entwicklung offen mitzuteilen, und so bei anderen Unterstützung, Gebet, Segen und Seelsorge finden.

 

 

3. Kein Zwang zur Transparenz

So sehr Transparenz einer Gemeinschaft hilft, ehrlich zu werden, fromme Fassaden zu vermeiden und aus der Gnade zu leben, so wenig darf diese Transparenz eingefordert und zum neuen Muss erhoben werden. Einen Zwang zur Selbstoffenbarung darf es nie geben. Verletzliche, von Herzen kommende Offenheit berührt – erzwungene Transparenz hingegen wirkt gequält, verletzt und ist grenzüberschreitend. Seelsorgerlich ausgedrückt: Unser „inneres Kind“ muss den Schutzraum wirklich wahrnehmen und spüren können – erst dann kann es sich angstfrei zeigen. Erzwungene Offenheit dagegen durchbricht die Schutzmauern des inneren Kindes und verletzt es nur noch tiefer. Hier muss christliche Gnadengemeinschaft aufpassen, dass sie aus einem herrlichen Angebot nicht eine neue Last macht.

 

 

4. Schutzraum vorleben

Wie aber entwickelt sich Gemeinde zum Schutz- und Heilungsraum? Neben einer Gnadentheologie, Räume für den persönlichen Austausch, einer wertschätzenden Ermutigung und Ermahnung und dem Verzicht auf erzwungene Transparenz braucht es vor allem eins: dass Transparenz und Verletzlichkeit gewagt und vorgelebt wird – vor allem von der Leitung der Gemeinde inklusive Pastor oder Pastorin! Eine Gemeinde entwickelt sich nie weiter als ihre Leitung, davon bin ich überzeugt. Gemeindeleiter können sich den Schutzraum noch so sehr wünschen, fordern und wollen – wenn sie ihn nicht untereinander leben und auch Verletzlichkeit vor der Gemeinde wagen, wird ihr guter Wunsch in der Breite der Gemeinde keine Wurzeln schlagen.

 

 

5. Heilungsraum für Leib, Seele und Geist

Geist, Seele und Leib sind quasi die „Dreieinigkeit“ des Menschen. So wie die göttliche Dreieinigkeit verschieden und doch eins ist, so ist es auch mit dem Menschen. Die Verkopfung des Glaubens und die fatale kirchengeschichtliche Abwertung des Körpers, haben diese Einheit des Menschen im Kontext des Glaubens beeinträchtigt. Doch heil werden kann nur, wer in Ganzheit vorkommen darf. Gemeinde als Schutz- und Heilungsraum würdigt den ganzen Menschen: mit seinen schwankenden Gefühlen, seinen Zweifeln und Fragen, und auch mit seiner manchmal angegriffenen körperlichen und psychischen Verfassung.

 

Wo Gemeinde nur makellose, superfromme Menschen als Ideal hat, die immer gut drauf sind, von Zweifel und Leid unangetastet – da werden die Zerbrochenen, Strauchelnden und Kranken keine Heimat finden und letztlich fernbleiben. Gemeinden, die ein solches Ideal propagieren, machen sich trotz ihrer vielleicht guter Absichten schuldig.

 

Heilsame Gemeinde braucht beides: Menschen, die tragen, und Menschen, die getragen werden. Und nicht selten werden Letztere dann selbst zu solchen, die andere tragen können. Dabei macht die Erkenntnis, dass sich die Rollen des Tragens und Getragen-Werdens jederzeit vertauschen können, behutsam und barmherzig und immun gegen Idealbilder. So kann Gemeinde mit allem Versuchen und Versagen, das man eben auch ihr zugestehen muss (denn Gnade gilt nicht nur dem Einzelnen, sondern auch dem Ganzen) zu einem wahrhaft „Herr“-lichen Ort werden. Einem Ort voller Schönheit – inmitten des heilenden Zerbrochenen.

Christof Lenzen

verheiratet mit Eva, Papa von zwei Kids und eines Bonussohns, ist Pastor der FeG Gera, Buchautor („Energie geladen“ u. a.) und Teil des Aufatmen-Redaktionsteams.

www.wegbegleiter.wordpress.com

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