Ulrike ist erschöpft. Im Büro wird sie von Kollegen gemobbt, in der Beziehung kriselt es schon seit Längerem und auch sonst geben sich die Herausforderungen zurzeit die Klinke in die Hand. Sie kann nur schlecht abschalten und schläft schlecht.

Jan hat vor nicht allzu langer Zeit seinen Vater durch einen Unfall verloren und kommt über diesen Verlust nicht hinweg.

Thorsten würde am liebsten nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Er hat eine neue Stelle innerhalb seiner Firma angenommen und seither läuft nichts mehr wie früher.

 

Drei Beispiele, drei unterschiedliche Bedürfnisse. Wer ist nun für Ulrike, Jan und Thorsten dieser besagte „Jemand“, mit dem sie über alles reden sollten?

 

Freunde und Familie 

Sie sind bestens geeignet, wenn man gerne mit jemandem teilen möchte, was einen aktuell bewegt. Man kennt sich, dementsprechend ist die Vertrauensbasis vorhanden. Hier ist ein guter Ort, um sich einen Rat zu holen, Dampf abzulassen, ins Unreine zu sprechen oder auch seine Gedanken zu klären. Ein möglicher Nachteil kann sein, dass diese selbst zu nah an der Situation dran sind. Ihr Blick auf die Dinge ist dementsprechend nicht immer objektiv; auch können sie mit bestimmten Themen überfordert sein.

 

→ Grundsätzlich ist es immer gut, sich ein paar ausgewählten nahestehenden Personen anzuvertrauen. Vielleicht können sie das Problem nicht lösen, aber diese Beziehungen sind wichtig, um herausfordernde Zeiten gut zu überstehen.

 

 

Seelsorger

Meist handelt es sich bei ihnen um Pastoren oder Pastorinnen oder auch entsprechend geschulte Gemeindemitglieder. Sie sind gute Ansprechpartner, wenn es um Glaubensthemen und allgemeine Lebensfragen geht. Hier ist der gemeinsame Glaube die verbindende Basis. Man kennt sich zwar, jedoch besteht eine größere emotionale Distanz zur Situation, als dies bei Freunden und Familie der Fall ist. Normalerweise gibt es eine Selbstverpflichtung zur Verschwiegenheit. Ganz wichtig: Seelsorge ist kein Ersatz für eine Psychotherapie!

 

→ Falls Jan ein gläubiger Mensch ist, könnte ein Seelsorger ein guter Ansprechpartner sein. Vielleicht besteht durch die Trauerfeier bereits ein Kontakt, auf den man aufbauen kann.

 

 

Coach

Der Begriff „Coach“ ist nicht geschützt und darf dementsprechend von jedem benutzt werden. Entsprechend unterschiedlich ist es um die Qualifikation bestellt, die vom einmaligen Wochenend-Workshop bis zu mehrjährigen Fortbildungen reichen kann. Auch die Schwerpunkte variieren. So kann sich ein Coach auf Beziehungsthemen spezialisiert haben, während ein anderer den Schwerpunkt beispielsweise auf Arbeitsorganisation, Entspannungstraining oder Kommunikation gelegt hat. Eine entsprechende Nachfrage lohnt sich somit auf jeden Fall. Coachings müssen im Normalfall aus eigener Tasche bezahlt werden. Und auch wenn die Realität oft eine andere ist: Ohne entsprechende Zusatzqualifikation dürfen sie nicht psychotherapeutisch arbeiten.

 

→ Je nachdem, was die Gründe für Thorstens Probleme bei der Arbeit sind, könnte ein Coach ein guter Ansprechpartner sein. Bei Themen wie „Kommunikation mit den neuen Kollegen und Vorgesetzten“ sowie „Arbeitsorganisation“ könnte er unterstützen.

Sollten Sie den Eindruck haben, dass Sie mit tieferliegenden psychischen Problemen zu kämpfen haben, suchen Sie sich bitte schnell professionelle Hilfe!
Psychotherapeuten

Nur Personen mit einer Psychotherapiezulassung dürfen eine Psychotherapie anbieten und durchführen. Der Weg zu einer Therapieerlaubnis ist vielfältig. Meist knüpft sie in Form einer Therapieausbildung an ein Medizin- oder Psychologiestudium an. Alternativ dürfen auch Heilpraktiker (für Psychotherapie) psychotherapeutisch arbeiten. Medikamente (Psychopharmaka) dürfen nur vom Psychiater (medizinischer Zugang) oder einem anderen niedergelassenen Arzt verschrieben werden. Das primäre Mittel der Psychotherapie ist das Gespräch. Es gibt verschiedene Therapieverfahren, aber nur wenige werden von der Krankenkasse finanziert. Therapeuten bringen fachliche Kompetenz in psychologischen Themen mit und haben als Außenstehende eine gesunde Distanz zur Situation.

 

→ Natürlich sind die Situationsbeschreibungen von Jan und Thorsten und Ulrike sehr verkürzt dargestellt und bei genauerem Hinsehen könnten sich ganz andere Dinge hinter ihren Problemen verstecken. Bei Ulrike scheint aber eine akute Überforderungssituation vorzuliegen. Hier wäre es sinnvoll, professionell abklären zu lassen, ob beispielweise nicht doch eine Depression vorliegt und diese gegebenenfalls behandeln zu lassen. Sollte Jan im Laufe der nächsten Monate nicht aus seiner Trauer herausfinden, wäre auch bei ihm ein Gang zu einem Therapeuten ratsam.

 

 

Bleiben Sie mit Ihrem Problem nicht allein!

Viele scheuen vor einem Besuch beim Psychotherapeuten zurück, weil sie nicht als „verrückt“ gelten wollen. Doch diese falsche Scheu verhindert, dass sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen und verdient haben. Oft erfolgt sie erst dann, wenn Erkrankungen sich bereits über lange Zeit verfestigt haben und der Punkt kommt, an dem sie nicht mehr allein bewältigt werden können.

 

Sollten Sie feststellen, dass Sie mit psychischen Problemen zu kämpfen haben – egal, ob noch klein oder schon größer –, warten Sie nicht! Suchen Sie sich bitte professionelle Hilfe! Aktuell beträgt die Wartezeit auf einen durch die (gesetzliche) Krankenkasse finanzierten Therapieplatz meist mehrere Monate. Bitte lassen Sie sich davon nicht einschüchtern, sondern machen Sie einen Termin aus. Hierbei ist Ihnen sicher auch Ihr Hausarzt oder Ihre Hausärztin gern behilflich, der Sie darüber hinaus auch schon im Vorfeld medikamentös begleiten kann, falls dies nötig sein sollte. In der Zwischenzeit können die anderen genannten Personengruppen eine gute Möglichkeit sein, die Wartezeit bestmöglich zu überbrücken. Denn das Wichtigste ist: Bleiben Sie nicht allein mit dem, was Ihnen zu schaffen macht!

 

Nicole Sturm

ist Theologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf dem psychotherapeutischen Coaching – sowohl online als auch offline.

www.vorwärtsleben.de

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