„Nicht, dass ich‘s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich‘s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein.“
– Paulus im Brief an die Philipper 3,12–15a
Paulus widerspricht sich in diesem Text so offensichtlich selbst, dass wir eigentlich nur daraus folgern können, er tue es mit Absicht, damit wir innehalten und nachdenken, wie es eigentlich gemeint ist. „Nicht, dass ich schon vollkommen sei“, sagt er zuerst, „ich setze aber alles ein, um es zu werden“, um gleich anzuschließen: „Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein.“
Die lateinische Bibel übersetzt korrekt aus dem Griechischen mit einem Wort, das uns sehr vertraut ist: „perfectus“. „Nicht, dass ich schon perfekt sei, aber ich tue alles dafür, um es zu werden. Wie viele von uns perfekt sind, die lasst uns so gesinnt sein.“ Das hört sich ziemlich schwierig an. Warum dieser Widerspruch? Und wozu soll ein Perfektionismus des christlichen Glaubens, um den es ja hier geht, überhaupt gut sein? Es wird noch schwieriger, wenn wir uns erinnern, dass Jesus in der Bergpredigt dasselbe sagt, sogar noch etwas krasser: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matthäus 5,48). Auch hier steht im griechischen und lateinischen Text das gleiche Wort: „Ihr sollt ‚perfectus‘ sein, wie euer Vater im Himmel ‚perfectus‘ ist.“
Keine halben Sachen
Man wendet ein, dass Vollkommenheit im biblischen Sinn eigentlich nicht Perfektion im heute gebräuchlichen Sinn bedeutet, sondern Ungespaltenheit, nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“. In der Tat ist das ein wesentlicher Aspekt, aber ganz gerecht wird man der Wortbedeutung damit noch nicht. „Vollkommen“ heißt im Griechischen eigentlich „vollendet“ und dem entspricht das lateinische „perfectus“. Es geht also darum, ein Ziel zu erreichen.
Das ist die andere Seite der Wortbedeutung. Dazu passt sehr gut dieses Bild vom Läufer im sportlichen Wettkampf. Für den Leistungssportler kommt es auf beide Aspekte der Wortbedeutung an: Mit ungeteiltem Herzen unbedingt gewinnen wollen. Aber sollte denn das Leben im Glauben wirklich so etwas sein wie Leistungssport? Es lässt sich nicht leugnen, dass Paulus sagen würde: ja. Sonst würde er dieses Bild ja nicht gebrauchen.
„Vollkommen“ heißt im Griechischen eigentlich „vollendet“ und dem entspricht das lateinische „perfectus“. Es geht also darum, ein Ziel zu erreichen.
So viel können wir jedenfalls schon einmal festhalten: Diese beiden Aspekte der Vollkommenheit, das Ganzsein und die Zielorientierung, sind auch für unser Leben im Glauben maßgeblich. So lässt sich wohl auch die zweifache Verwendung des Wortes „vollkommen“ im Text verstehen: Das erste Mal geht es um das Ziel: Das habe ich noch nicht erreicht, sagt Paulus. Das zweite Mal geht es um die Ganzheit: Die setzt Paulus bei sich und den Angeredeten voraus. „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“, legt Jesus in der Bergpredigt fest. Sein wie Gott? Werden wie Gott? Die Aussage schließt sich einem konkreten Gebot an: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ (Matthäus 5,43). Alle Welt hasst ihre Feinde, führt Jesus weiter aus, aber ihr sollt nicht so eingestellt ein wie alle Welt, weil mein und euer Vater es nicht ist. Wie alle Welt sein oder nicht wie alle Welt sein: das durchzieht die ganze Bergpredigt. Jesus bringt es wenig später auf den Punkt: „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten.“ Konkret spricht er jetzt das Verhältnis zum Geld an: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,24).
Ganz oder gar nicht
Halbe Sachen sind, was den Glauben betrifft, Selbstbetrug. Das ist tatsächlich so wie im Leistungssport. Wer dort Erfolg haben will, muss ihn mit ganzer Hingabe suchen. Paulus versteht Jesus wirklich so. Darum schreibt er den Korinthern: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge“. Darum „bezwinge“ er seinen Leib und „zähme“ ihn (1. Korinther 9,24–27).
Mit der Bergpredigt zeigt uns Jesus, warum das so ist: Es gibt keine Alternative! Der Gespaltene betrügt sich selbst, weil er am Leben vorbeilebt. Er mag sich einbilden, zwei Herren dienen zu können, aber es geht nicht. Das geteilte Herz hält dem Anspruch nicht stand, den das Leben an ihn stellt. Der Gespaltene baut sein Lebenshaus auf Sand. Sein Lebenswerk bewährt sich nicht.
Alle Welt lebt am Leben vorbei. Darum gibt es keine Alternative dazu, nicht zu sein wie alle Welt. Alle Welt schwimmt mit dem Strom. Darum gibt es keine Alternative dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Alle Welt lässt sich treiben. Darum gibt es keine Alternative zur sinnvollen Selbstdisziplin. Leben oder gelebt werden, das ist hier die Frage. Das ganze Ja zum Leben braucht ein entschiedenes Nein zu den bequemen Prinzipien, die dem Leben schaden und es zerstören.
Mit dieser Einstellung können wir gar nicht anders als mit ganzem Herzen lohnende Ziele anzusteuern. Oder anders gesagt: Wir können gar nicht anders als das Beste aus unserem Leben zu machen. Wer das Beste aus seinem Leben macht, der macht keine halben Sachen. Er setzt klare Prioritäten.
Das ganze Ja zum Leben
Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14ff) vergräbt der dritte Diener seines. Die Begründung ist bitter: „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist“, sagt er zu dem, der es ihm gab: „du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich.“ Mit anderen Worten: „Ich habe ja sowieso keine echte Chance. Ich komme immer zu kurz, da kann ich machen, was ich will. Gott und dem Leben kann ich nicht trauen. Und hat er nicht auch gerade wieder den Beweis dafür erhalten? Die andern beiden haben mehr bekommen. Das ist doch wieder typisch!“
Ich sage ja zum Leben, weil das Leben gut ist. Ich sage ja zu meinen Talenten, weil sie gut sind und guttun. Dann ist der Perfektionismus angemessen und schön.
Manche Leistungssportler ertragen es nicht, nur Dritter zu werden. Das ist ein anderer Perfektionismus als der paulinische. Das Vollkommenheitsstreben der alternativlosen Lebensbejahung nach Paulus ist von der Freude motiviert: Ich sage ja zum Leben, weil das Leben gut ist. Ich sage ja zu meinen Talenten, weil sie gut sind und guttun. Dann ist der Perfektionismus angemessen und schön.
Ich las von einem erfolgreichen Maler, der sinngemäß im hohen Alter sagte: „Wenn Gott mich noch eine Weile leben lässt, hoffe ich endlich etwas wirklich Schönes malen zu können.“ Dem wahren Künstler ist seine Kunst nie gut genug: das ist seine Passion, aber auch seine Freude. „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass dir die matten Gesänge gefallen“, jubelt der Chor in Bachs Weihnachtsoratorium voller Freude. Wir geben unser Bestes, aber es könnte und müsste doch noch viel, viel besser sein zu Gottes Ehre. Das deprimiert nicht, das motiviert! Das Gute noch besser werden zu lassen, weil es gut ist – das ist der edle Perfektionismus, beseelt von Dankbarkeit und Freude, Leben pur, echte Erfüllung.
Vom Perfektionismus zur Freude
Man hat den Philipperbrief den „Freudenbrief“ genannt. Wenn Paulus sich nach dem Ziel ausstreckt, das er noch nicht erreicht hat, dann geschieht das von ganzem Herzen und mit wahrer Freude. Der andere Perfektionismus, der so viele Menschen in unserer Leistungsgesellschaft antreibt und beherrscht, kennt keine Freude. Der Perfektionist dieser Art glaubt ebenfalls, dass es keine Alternative gibt. Aber der Grund dafür ist nicht Dank, sondern die Bitterkeit des Dritten im Gleichnis: „Es bleibt mir ja gar nichts anderes übrig. Wenn ich nicht der Erste bin, bin ich der Letzte. Wenn ich die andern nicht aussteche, habe ich keine Chance. Ich muss sicherstellen, dass man keine Schwäche an mir finden kann. Dann bin ich unangreifbar. Dann muss jeder anerkennen, dass ich wichtig bin. Und umgekehrt: Wehe mir, ich mache einen Fehler, ich zeige eine Schwäche. Das ist eine Katastrophe, denn es beweist leider zwingend, dass ich gar nichts tauge.“
Perfektionisten dieser Art verstehen den Philipper-Text als Aufforderung, Super-Christen zu sein. Entweder legen sie sich mächtig ins Zeug, um möglichst alle andern Christen durch ihre ganz hervorragende Heiligkeit in den Schatten zu stellen. Oder sie resignieren und machen es wie der Dritte im Gleichnis. Wenn uns aber statt Perfektionismus Freude, Vertrauen und Dankbarkeit motivieren, sind wir gern bereit, aus dem Gegebenen das Beste zu machen. Gabe ist, was uns gegeben ist, auch das, was wir nicht besonders mögen oder auch viel lieber ganz anders hätten. Als Gegebenes ist es uns auf-gegeben. Gabe ist Auf-gabe.
Der Dritte im Gleichnis hat keine besonders gute Startbedingung im Vergleich zu den beiden anderen. Das ist Teil der Gegebenheit und damit auch seiner Aufgabe. Sag ja dazu und mach das Beste daraus! Wer weiß, was noch daraus werden kann. Viele Letzte werden Erste sein! Sinn und erfülltes Leben finden wir nicht in der Vorgabe, sondern in der Aufgabe. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man auch viel suchen“, sagt Jesus, „und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern“ (Lukas 12,18). Das heißt: Der Vorgabe entspricht auch die Aufgabe. Aber begabt mit guten Gaben ist jede und jeder, weil das Leben gut ist.
Wir müssen keine Super-Christen sein. Niemand soll mehr von sich halten, „als sich’s gebührt zu halten“, sondern „maßvoll“ soll er von sich halten, angemessen also, der Gabe entsprechend, die Gott ihm zugeteilt hat. Darauf soll er sich konzentrieren und weder auf das, was ihm fehlt, noch auf das, was andere besser können. Auch das ist ein Pauluswort, an zentraler Stelle im Römerbrief (Römer 12,3). So spielt der äußere Schein der Größe einer Gabe keine Rolle mehr, denn so ergänzen wir uns gegenseitig, statt uns zu beneiden, zu übertrumpfen und herabzusetzen. Weil es aus der Freude kommt, macht es auch Freude.