Neulich flatterte er mal wieder über meinen Bildschirm, dieser Spruch, bei dem ich jedes Mal im Zweifel bin, ob ich lachen oder weinen oder einfach nur nicken soll: „Die Erde hat Mensch – im Endstadium!“

 

Der Mensch als Krankheit? Ich gebe zu: In letzter Zeit bin ich des Öfteren geneigt, dieser überaus zynischen Bestandsaufnahme zuzustimmen. Und das nicht erst seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. Der war lediglich der letzte Tropfen für mein bereits seit längerem übervolles Gemütsfass.

Befüllt wird es schon seit Jahren. Und als wären der Finanzcrash (2009, wir erinnern uns?), die Klimakrise, der Rechtsruck in unserer Gesellschaft und der Brexit nicht schon genug, riss uns die Pandemie das letzte sicher geglaubte Stückchen Anstand aus der Seele und aus den Mündern. Wie viele Hässlichkeiten haben wir uns in diesen ohnehin schon traurigen Zeiten gegenseitig zugemutet, allem voran in den (a)sozialen Medien (und ich zu meinem Bedauern so manches Mal mittendrin)! Und dann brennen bei der Oscar-Verleihung auch noch dem sonst so coolen Will Smith die Sicherungen durch …

 

Ganz ehrlich: Ich bin fertig mit der Welt! (Okay, vielleicht noch nicht ganz, aber doch ein bisschen mehr als sonst) Und hätte ich das Sagen, hätte ich den Laden hier unten wahrscheinlich längst dicht gemacht. Zu hohe Kosten, zu viele Rückschläge, zu wenig unterm Strich.

 

Habe ich aber nicht. Das Sagen hat Gott. Und der sieht die Sache offenbar ganz anders:

 

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“

 

Egal, zum wievielten Mal ich diesen Satz lese – er erstaunt mich immer wieder. Denn ich habe mich oft gefragt, wie Gott das kann, diese Welt lieben. Oh, nicht, dass wir nicht auch Liebenswertes an uns hätten, doch, doch! Sternstunden können wir auch. Aber nüchtern betrachtet überwiegt eben doch eher das Niederträchtige. Wie also kann er das, uns lieben? Wo er doch alles weiß, wo er doch alles sieht?

 

Ich habe mich oft gefragt, wie Gott das kann, diese Welt lieben. Wo er doch alles weiß, wo er doch alles sieht?

„Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als vielmehr auf das, was sie erleiden, anzusehen“, schrieb Dietrich Bonhoeffer gegen Ende seines Lebens aus der Haft. Und ich ahne, dass genau das es ist, was Gott tut.

 

Als Jesus die Menschen sah, die ihm folgten, beschrieb sein Weggefährte Matthäus seine Reaktion einmal so: „Als er die Menschenmassen sah, erfasste ihn großes Erbarmen mit ihnen. Denn sie waren völlig am Ende, verlassen und verloren wie Schafe, um die sich kein Hirte kümmert.“ (Matthäus 9,36, Das Buch)

Gott sieht, was wir so leicht übersehen: dass wir oft einfach am Ende sind. Müde und ausgelaugt – von Pandemien, Kriegen, Kündigungen, Scheidungen und Liebeskummer oder einer miesen Kindheit. Und auch von unserer eigenen Dunkelheit. Dass wir verloren sind und verwirrt, ohne Hirte, ohne Heimat.

 

Martin Luther übersetzte an dieser Stelle, dass Jesus die Menschen sah und sie ihn „jammerten“. Gott lässt zu, dass wir ihm zu Herzen gehen. Er wendet sich nicht angewidert ab, sondern sich uns in Liebe zu. Kommt zu uns, wird einer von uns, gibt sich uns, weint mit uns, taucht ein in unser Leid und unsere Schuld und trägt sie weg. Am Kreuz hatte Gott Mensch im Endstadium! Und liebt uns so zur Umkehr – hinein in seine Arme, in ein neues, in ein anderes Leben.

 

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern das ewige Leben hat.“ (Johannes 3,16)

 

Wie gut, dass nicht wir diejenigen sind, die unser Tun und Lassen, unsere Gründe und unser Herz in letzter Instanz beurteilen. Sondern der, der unser Richter und unser Retter zugleich ist: Jesus.

 

Der, der einmal das letzte Wort über uns spricht, ist der, der uns am meisten liebt. Was haben wir bloß für ein Glück!

 

 

Sabine Müller

ist Redaktionsleiterin von MINDO. 

Das könnte Sie auch interessieren