Waschbeton. Ein kleiner Raum, ein Stehklo, daneben im Boden ein Abfluss, an der Wand eine tropfende Metallarmatur mit Duschkopf und einer Seifenablage – darauf liegt ein einsamer Einwegrasierer. Ich bin in Indien, zum ersten Mal, gerade 18 Jahre alt, auf einem Einsatz. Am gestrigen Abend kam ich mit einem Team von 14 jungen Leuten in Neu Delhi an. Ein Deutscher, der vor Ort lebt, holt uns am Flughafen ab, wir steuern durch die nächtlichen Straßen, gesäumt von schlafenden Menschen, auf der Fahrbahn Kühe. Er bringt uns als erste Station in diese karge Wohnung mit zwei Räumen. Müde legen wir uns irgendwo auf dem Boden schlafen.

 

Der nächste Morgen. Es ist schwül. Manche von uns sind wie gerädert – in einem Zimmer war der Deckenventilator kaputt. Wir halten uns jetzt alle in dem Raum auf, in dem er funktioniert – und warten. Etwas unklar, worauf. In den nächsten vier Wochen werde ich lernen, dass man in Indien ständig wartet und nicht genau weiß, worauf eigentlich. Und dass man sich dieser Situation besser ergibt. Klare Antworten erhält man meist nicht. Jetzt aber warte ich recht konkret, dass ich mit dem Bad an der Reihe bin. Und dann stehe ich in diesem Kasten aus Waschbeton. Gewöhnungsbedürftig, diese Kargheit, die Abwesenheit von Schönem – und mittendrin dieser vergessene Einwegrasierer. Danach tapere ich in die Küche. Auch hier ist alles kahl und pragmatisch: ebenfalls Waschbeton, ein Gasherd, ein Wasserspender, eine Spüle, leere Schränke. Keine Farbe an den Wänden oder Regalen. Da fällt mein Blick auf einen Zettel mit bunter Schrift am Kühlschrank. Dort steht auf Englisch:

 

„Weil ihr Gottes reiche Barmherzigkeit erfahren habt, fordere ich euch auf, liebe Brüder und Schwestern, euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung zu stellen. Seid ein lebendiges Opfer, das Gott dargebracht wird und ihm gefällt. Ihm auf diese Weise zu dienen ist der wahre Gottesdienst und die angemessene Antwort auf seine Liebe. Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird. Nur dann könnt ihr beurteilen, was Gottes Wille ist, was gut und vollkommen ist und was ihm gefällt.“ (Römer 12,1+2 HfA)

 

Ich bleibe stehen und starre den Vers an. Schon oft habe ich ihn gehört oder gelesen. Doch plötzlich habe ich ein Bild vor Augen: Das „lebendige Opfer“ – das „living sacrifice“, die Hingabe, um die es hier geht –, das ist dieser Einwegrasierer im Waschbetonbad! Das ist diese karge Wohnung, ein Leben in einem fremden Land, in dem ich warte, gegen den Smog und die Schwüle anatme und mich als Frau nur in Begleitung nach draußen wage.

 

Etwas kommt in Bewegung – ist mein Glaube dafür bereit? Für das Leben, für das der Einwegrasierer steht? Ich denke viel darüber nach, schreibe den Vers vorn in meine englische Bibel hinein. Wäre ich bereit, hier in Indien diese Hingabe zu leben? Es würde auf vielen Ebenen Verzicht bedeuten, das „living sacrifice“ wäre täglich spürbar. Der Gedanke begleitet mich die nächsten Wochen und wühlt in mir.

Immer mehr begreife ich, dass Hingabe meint, mich auf das Wesentliche zu fokussieren und Gott ins Zentrum zu rücken.

Auch wenn ich nun ein Bild davon habe, wie Hingabe in Indien aussehen würde, so brauche ich zurück in Deutschland doch eine Antwort darauf, wie ich hier hingegeben leben kann – in meinem letzten Jahr an der Schule. Genauso dann später in der Ausbildung, an der Uni, in meinen verschiedenen Rollen und Kontexten. Immer mehr begreife ich, dass Hingabe meint, mich auf das Wesentliche zu fokussieren und Gott ins Zentrum zu rücken. Oft bedeutet das, etwas loszulassen oder auf etwas zu verzichten, was mir lieb ist. Das kann ich im Fasten lernen. Oder, indem ich meine Ambitionen loslasse, das Vergleichen mit anderen, unerfüllte Wünsche, ungute Gewohnheiten, vermeintliche Sicherheiten oder Materielles. Ob in Indien oder hier.

 

Tatsächlich habe ich mich nach der Schulzeit auf die Einwegrasierer-Challenge eingelassen und ein Jahr mit noch simpleren Waschbeton-Bädern verbracht, mit viel Verzicht im Innen und im Außen. Die wunderbare Erfahrung: Ich wurde unglaublich beschenkt mit einer Gottesnähe, die ich so nicht kannte. Ich durfte erfahren, dass Loslassen nicht zu Mangel führt, sondern zu Reichtum – auf einer anderen, der geistlichen Ebene.

 

Und dann war da ja noch der zweite Vers am Kühlschrank: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird. Nur dann könnt ihr beurteilen, was Gottes Wille ist, was gut und vollkommen ist und was ihm gefällt.“

 

Im Laufe der Jahre wurde mir immer deutlicher, dass ein hingegebenes Sein mit einer grundlegenden Veränderung im Kern meines Wesens beginnt, das von der Barmherzigkeit Gottes berührt und von seinen Werten geprägt wird. Werten, die so ganz anders sind als die unserer Kultur. Das Reich Gottes gleicht sich nicht dieser Welt an, sondern steht ihr so oft diametral entgegen: die Letzten werden die Ersten sein, das Schwache ist stark, das Arme reich, das Gebeugte wird gesehen und aufgerichtet, das Verschmähte geehrt, das von der Welt Verachtete erhöht, im Einfältigen offenbart sich Gottes Weisheit, in Begrenzung finden wir Freiheit, im Loslassen erhalten wir einen Schatz.

Was mich am meisten ermutigt: Gott ist es, der mich dazu verändert, Teil dieses Reichs zu sein. Ich darf es an mir geschehen lassen.

Der Apostel Paulus fordert dazu auf, die Werte, die mich umschwirren, zu hinterfragen, mich ihnen nicht anzupassen. So bedeutet gelebte Hingabe, mich hineinrufen zu lassen in diese neue Realität, in der andere, menschlich oft schwer nachvollziehbare Maßstäbe gelten. Maßstäbe, die Gottesnähe schenken, und damit Frieden, Liebe, Hoffnung, inneren Reichtum, Freude, Freiheit … Ja, das will ich! Mehr davon! Und was mich am meisten ermutigt: Gott ist es, der mich dazu verändert, Teil dieses Reichs zu sein. Ich darf es an mir geschehen lassen. Paulus schreibt hier nämlich: „Lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird.“ Gott gestaltet und formt mich hinein in dieses Geheimnis, in dieses völlig Andere. Und macht mich damit bereit für dieses Leben der Hingabe, das loslassen kann, um zu empfangen.

Andrea Specht

ist Autorin und Lektorin und lebt mit ihrer Familie in Potsdam (www.textgehalt.de).

Auch interessant