Du bist gescheitert? Darf ich dich dann kurz einladen, einmal zu überlegen, wie hoch gerade dein Schmerzempfinden auf einer Skala von 1 bis 10 ist? Vielleicht musst du darüber gar nicht lange nachdenken. Vielleicht weißt du sofort, wo du gerade stehst. Vielleicht trägst du schon länger einen Schmerz mit dir herum, den niemand wirklich sieht.

 

Im ersten Teil dieser Serie habe ich davon erzählt, wie ich vor Jahren ins Stolpern geraten bin und völlig unerwartet aus meiner Leitungsposition „hinausgebeten“ wurde. Eine glatte 10 auf der Schmerzskala! Doch es blieb nicht nur beim Stolpern. Ich fiel und der Aufprall tat ziemlich weh.

Damals stürzten Gedanken und Gefühle wie heiße Lava aus einem Vulkan auf mich ein. Ich wurde regelrecht überrollt, fühlte mich wie die größte Versagerin und verstand einfach nicht, was falsch gelaufen war. Über Monate hinweg ging ich hart mit mir selbst ins Gericht. Tausende Gedanken wirbelten durch meinen Kopf: Darf ich jemals wieder leiten? Wird noch jemand mit mir zusammenarbeiten wollen? Wer bin ich ohne diese Position? Muss ich nun Europa verlassen? Und wo war Gott in all dem?

 

 

Die Scham des Scheiterns

Am schwersten war vielleicht nicht einmal der Verlust, sondern die Scham. Das Gefühl, komplett versagt zu haben und die Angst davor, wie andere mich nun sehen würden. Ich habe festgestellt, dass Schmerz selten allein kommt. Oft bringt er auch Scham mit. Viele trostlose Gedanken plagten mich fast ein ganzes Jahr lang. Manche Nächte lag ich wach, grübelte, weinte, zweifelte und wusste nicht mehr weiter. Der Schmerz und die Scham waren groß. Die Wunde eiterte innerlich weiter.

Am schwersten war vielleicht nicht einmal der Verlust, sondern die Scham. Das Gefühl, komplett versagt zu haben und die Angst davor, wie andere mich nun sehen würden.

Und genau das ist oft der Moment des Aufpralls: Wir merken plötzlich, dass wir nicht einfach weitermachen können wie bisher. Ich glaube, dass wir an diesem Punkt eine Entscheidung treffen müssen. Nicht darüber, ob Schmerz existiert, sondern darüber, wie wir mit ihm umgehen. Niemand kann uns diese Entscheidung abnehmen. Ich entscheide, ob ich bitter werde oder vergebe. Ich entscheide, ob ich mich im Selbstmitleid verliere oder wieder Schritte wage. Ich entscheide, ob ich Gott die Schuld gebe oder lerne, auch mitten im Schmerz an ihm festzuhalten.

 

Der Pastor und Autor Craig Groeschel schrieb vor einiger Zeit (frei ins Deutsche übersetzt): „Der Unterschied zwischen dem Ort, an dem du heute stehst, und dem Ort, an dem du sein könntest, liegt vielleicht genau in dem Schmerz, den du bisher nicht bereit warst, auszuhalten.“

Ich möchte dich einladen, den Schmerz nicht nur auszuhalten, sondern auch mit ihm zu arbeiten. Denn Schmerz, den wir verdrängen, verschwindet nicht einfach. Er sucht sich oft andere Wege. Er macht uns hart, bitter oder innerlich taub.

 

 

In guter Gesellschaft

Auch in der Bibel können wir von Stolper- und Aufprallgeschichten lesen. Einer der größten Leiter der Bibel, König David, schlug hart auf. Ehebruch, Lüge, Machtmissbrauch, sogar geplanter Mord. Seine Geschichte zeigt, wie tief Menschen fallen können – und trotzdem ist Davids Geschichte nicht nur eine Geschichte des Scheiterns, sondern auch eine Geschichte der Umkehr. Was mich an David bewegt: Er verdrängte seinen Schmerz und seine Schuld am Ende nicht mehr. Er bekannte sie Gott. Psalm 51 zeigt einen Menschen, der aufrichtig zerbrochen vor Gott steht: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Vielleicht lieben wir die Psalmen Davids genau deshalb so sehr: Weil dort jemand betet, der nicht geschniegelt und geistlich perfekt klingt, sondern ehrlich verwundet ist. David musste mit den Konsequenzen seines Handelns leben. Nicht alles wurde einfach wieder gut. Aber er ließ sich von Gott verändern, statt an seinem Schmerz zu zerbrechen.

Vielleicht lieben wir die Psalmen Davids genau deshalb so sehr: Weil dort jemand betet, der nicht geschniegelt und geistlich perfekt klingt, sondern ehrlich verwundet ist.

Ich glaube, genau darin liegt ein Schlüssel: Schmerz ehrlich anzusehen, statt vor ihm wegzulaufen. Das musste auch ich lernen. Ich war damals innerlich völlig erschöpft. Ich hatte wenig Hoffnung, aß zu viel Schokolade, trank zu viel Alkohol und dachte zeitweise sogar darüber nach, ob ich überhaupt noch leben wollte. Ich versuchte, einen Termin bei einer Psychologin zu bekommen. Wartezeit: sechs Monate. Ich wusste: So lange halte ich nicht durch! Damit ich schlussendlich nicht so lange warten musste, bezahlte mein Mentor mir schließlich einen Flug nach England zu einer Traumatherapeutin. Ich saß auf ihrem Sofa und sie sagte nur: „Erzähl mir von deinem Schmerzen.“ Dieser Satz veränderte etwas in mir. Denn Heilung beginnt oft dort, wo wir endlich aufhören, unseren Schmerz kleinzureden und nicht mehr versuchen, vor ihm davonzulaufen oder ihn zu betäuben.

 

Vielleicht musst du heute nicht stark sein.

 

Vielleicht musst du heute nicht schon wissen, wie alles weitergeht.

 

Vielleicht ist der nächste Schritt erstmal nur, ehrlich hinzuschauen.

 

Der Aufprall gehört zum Scheitern dazu. Aber er muss nicht das Ende deiner Geschichte sein. Im nächsten Teil geht es darum, wie wir nach dem Fallen wieder langsam aufstehen können. Nicht perfekt und nicht ohne Narben, aber mit neuer Hoffnung.

ZUM MITNEHMEN

 

✔︎ Schmerz verschwindet nicht automatisch, nur weil wir weitermachen. Wo versuchst du immer noch zu funktionieren?

 

✔︎ Wie wir auf Schmerz reagieren, prägt oft unseren weiteren Weg. Wo merkst du gerade die Versuchung, hart, bitter oder hoffnungslos zu werden?

 

✔︎ Gott wartet nicht erst auf uns, wenn wir wieder „stark genug“ sind. Was würde sich verändern, wenn du ihm ehrlich all die Fragen, Zweifel, Schmerzen und Scham hinhalten würdest, die du gerade mit dir trägst?

Dr. Evi Rodemann

(Jg. 1971) lebt im Großraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Dafür engagiert sie sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und in ihrem Verein „LeadNow“, am liebsten bei einem Earl Grey Tee.

 

Ihr Buch „Scheitern erwünscht – Warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen“ ist bei R. Brockhaus erschienen.

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