Im ersten Teil dieser Serie ging es um das Stolpern, im zweiten um den Aufprall. Vielleicht hast du dich in der einen oder anderen Situation wiedergefunden. Vielleicht stehst du selbst gerade an einem Punkt, an dem du dich fragst, wie es weitergehen soll. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut.
Heute geht es ums Aufstehen, darum, nach dem Absturz wieder auf die Beine zu kommen. Das beginnt allerdings selten mit einem großen Sprung, sondern meist viel unspektakulärer, als wir es uns wünschen. Nicht dann, wenn plötzlich alles wieder gut ist, wenn alle Fragen beantwortet sind oder der Schmerz verschwunden ist. Aufstehen beginnt oft mit der Entscheidung, der Wirklichkeit ehrlich ins Gesicht zu schauen.
Dein Schmerz, mein Schmerz
Vielleicht trägst du gerade nur einen kleinen Kratzer mit dir herum. Vielleicht aber auch eine Wunde, die schon lange eitert. Beide verdienen Aufmerksamkeit. Wir neigen so schnell dazu, unseren Schmerz mit dem anderer zu vergleichen oder ihn kleinzureden: „Andere haben doch viel Schlimmeres erlebt!“ Doch Schmerz lässt sich nicht vergleichen. Er ist immer persönlich.
Ich musste lernen, meinen Schmerz nicht länger zu verstecken, zu entschuldigen oder wegzuerklären. Stattdessen begann ich, Gott ehrlich zu sagen, wie es mir wirklich ging und das klang selten fromm. Mit den Worten, die ich gerade parat hatte, habe ich ihm durch und durch mein Leid geklagt. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass Ehrlichkeit einer der ersten Schritte jeder Heilung ist. Möglicherweise ist das heute auch für dich der erste Schritt: Nicht so zu tun, als wäre alles in Ordnung, sondern vor Gott auszusprechen, was gerade wirklich wehtut.
Wir neigen so schnell dazu, unseren Schmerz mit dem anderer zu vergleichen oder ihn kleinzureden: Doch Schmerz lässt sich nicht vergleichen. Er ist immer persönlich.
Genauso wichtig war es für mich, den Schmerz nicht allein zu tragen. Für die Menschenm die Gott mir damals an die Seite gestellt hat, bin ich unendlich dankbar: meinen Mentor, für Freunde und Menschen, die mir einfach zuhörten, ohne sofort Antworten oder – noch schlimmer! – gleich Lösungen parat zu haben. In den ersten Wochen nach meinem Scheitern schrieb mir jeden Tag mein Mentor Bob eine WhatsApp-Nachricht. Er wohnt in England, aber hatte es auf dem Herzen, mich durch diese schwere Zeit zu begleiten, mich zu ermutigen, aber mich auch herauszufordern.
Ich glaube, jeder von uns braucht wenigstens einen Menschen, vor dem wir keine Rolle erfüllen müssen. Einen Menschen, bei dem wir weder stark noch erfolgreich sein müssen, sondern einfach wir selbst sein dürfen. Denn Wunden verlieren einen Teil ihrer Macht, wenn wir sie ans Licht bringen.
Zeit der Heilung
Außerdem musste ich lernen, mir Zeit zu geben. Ehrlich gesagt wäre ich am liebsten sofort wieder in den nächsten Dienst oder die nächste Aufgabe gesprungen. Hauptsache beschäftigt sein, um diese Leere und diesen Sturm, die gleichzeitig in mir vorhanden waren, nicht fühlen zu müssen. Heute bin ich dankbar, dass Gott etwas anderes mit mir vorhatte. Ich wollte meine Verletzungen nicht in einen neuen Dienst mitnehmen. Ich wollte erleben, wie Gott an meinen Wunden arbeitet und sie heilt. Ich wollte nicht, das andere jetzt unter mir leiden mussten. Das brauchte Zeit – viel mehr Zeit, als ich mir selbst zugestanden hätte.
Dabei wurde mir noch etwas bewusst: Verletzte Menschen werden leicht zu verletzenden Menschen. Wenn wir selbst verwundet sind, ist die Gefahr groß, dass wir aus unserem Schmerz heraus reagieren. Wir ziehen uns zurück, werden misstrauisch oder verletzen andere, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen. Deshalb gehört zum Aufstehen auch, das eigene Herz zu bewahren. Nicht jede Verletzung verlangt nach einer sofortigen Reaktion. Manchmal braucht es erst Zeit, bis Gott an unserer Wunde arbeiten kann, bevor wir den nächsten Schritt gehen.
Verletzte Menschen werden leicht zu verletzenden Menschen. Wenn wir selbst verwundet sind, ist die Gefahr groß, dass wir aus unserem Schmerz heraus reagieren.
Irgendwann führte Gott mich auch an das Thema „Vergebung“ heran. Ehrlich gesagt hätte ich diesen Schritt am liebsten übersprungen. Der Schmerz saß noch viel zu tief. Doch ich merkte: Wenn ich nicht vergebe, nehme ich meine Verletzung mit in meine Zukunft. Vergebung war für mich kein einmaliger Moment, sondern ein langer Weg. Sie bedeutete nicht, dass plötzlich alles wieder gut war oder Vertrauen sofort zurückkam. Aber sie machte mein Herz frei. Frei von Bitterkeit, frei von der der ständigen Anklage, und frei davon, dass mein Schmerz das letzte Wort über mein Leben behält.
Wer definiert mich?
Und dann stellte Gott mir durch einen anderen internationalen Leiter eine Frage, die mich bis heute begleitet: „Wer definiert dich eigentlich?“ Ist meine Identität wirklich so eng mit meiner Position verbunden, dass sie zusammenbricht, wenn ich diese verliere? Oder ist meine Identität in erster Linie auf Gott gegründet, ohne Wenn und Aber?
Diese Frage hat mich über viele Monate beschäftigt. Sie hat mich herausgefordert, mein Fundament neu zu prüfen und meine Identität nicht an eine Aufgabe, einen Titel oder die Meinung anderer Menschen zu knüpfen. Ich kann nicht behaupten, dass ich darauf von heute auf morgen eine Antwort hatte. Aber Stück für Stück begann ich zu begreifen, dass Gott mich nie über meine Position definiert hatte, sondern immer als seine geliebte Tochter. Je mehr diese Wahrheit in meinem Herzen ankam, desto freier wurde ich. Aufstehen bedeutet für mich deshalb nicht, so zu tun, als wären alle Wunden verheilt. Es bedeutet, immer wieder den nächsten kleinen Schritt mit Gott zu gehen und irgendwann zurückzublicken und zu merken: Ich stehe wieder.
Im nächsten und letzten Teil dieser Serie möchte ich mit dir darüber nachdenken, wie wir nach dem Aufstehen weitergehen können. Denn ich glaube: Gott heilt nicht nur unsere Wunden – er kann sogar unsere Narben gebrauchen. Und manchmal werden gerade sie zu einem Ort, an dem wir selbst und andere Hoffnung finden.
ZUM MITNEHMEN
✔︎ Wo versuchst du deinen Schmerz noch kleinzureden? Nimm dir heute einen Moment Zeit und benenne ehrlich vor Gott, was gerade wirklich wehtut?
✔︎ Wer ist der Mensch, bei dem du keine Rolle spielen musst? Vielleicht ist in den nächsten Tagen genau der richtige Zeitpunkt, das Gespräch zu suchen.
✔︎ Aufstehen geschieht selten mit einem großen Sprung. Welcher kleine Schritt könnte heute dein nächster sein?