Im dritten Teil dieser Serie haben wir darüber nachgedacht, wie Aufstehen beginnt. Vielleicht fragst du dich jetzt: Und was kommt danach? Ich glaube, dass Gott uns nicht nur wieder aufrichten und weitergehen lassen möchte; er möchte auch verändern, wie wir unser Leben, unser Leid und letztlich ihn selbst sehen. Denn wenn wir ehrlich sind, wünschen wir uns doch oft ein Leben ohne Schmerzen. Ich jedenfalls habe das lange getan. Und manchmal brauche ich auch heute noch die Erinnerung, dass es ein Leben ohne Schmerzen nicht gibt.

 

Vor einigen Jahren sagte ein ägyptischer Leiter auf einer Konferenz einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Wir im Nahen Osten heißen den Schmerz willkommen und fühlen uns geehrt, für Jesus leiden zu dürfen. Ihr im Westen tut alles dafür, bloß keinen Schmerz zu erleben.“ Dieser Satz hat mich tief getroffen. Mir wurde bewusst, wie viel Energie ich darauf verwendete, Leid zu vermeiden. Schon allein die Schmerzmittel und Pflaster, die ich immer in meinem Rucksack habe. Es könnte ja was passieren! Dabei verspricht Jesus uns an keiner Stelle ein Leben ohne Schwierigkeiten. Er sagt vielmehr: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (xxx). Nicht die Abwesenheit von Leid ist seine Verheißung, sondern seine Gegenwart mitten darin. Diese Erkenntnis begann meine Sicht auf Gott zu verändern.

 

Ich leide – und Gott ist mittendrin

Ich erinnere mich an meinen einjährigen Missionseinsatz in der Elfenbeinküste. Voller Begeisterung war ich aufgebrochen und wurde direkt nach meiner Ankunft schwer krank. Zweimal Malaria, wochenlang ans Bett gefesselt. Ehrlich gesagt hatte ich gedacht, Gott würde mich doch bewahren, schließlich war ich für ihn unterwegs und hatte für dieses Jahr viel aufgegeben. Erst durch meine afrikanischen Geschwister verstand ich etwas, das meine Theologie auf den Kopf stellte: Sie glaubten nicht an Gott, weil er sie vor jedem Leid bewahrte. Sie glaubten an ihn, weil er sie mitten hindurchtrug. Das hat meinen Glauben nachhaltig verändert.

 

Wenn ich heute auf meine Geschichte zurückblicke, wünsche ich mir den Schmerz nicht zurück. Aber ich würde Gottes Treue darin auch nicht mehr missen wollen.

Vielleicht besteht geistliche Reife nicht darin, immer weniger Fragen zu haben. Vielleicht besteht sie darin, Gott auch dann festzuhalten, wenn wir nicht alles verstehen. Denn Herausforderungen werden uns nicht erspart bleiben. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir Krisen erleben, sondern wie wir ihnen begegnen. Lassen wir uns von ihnen verbittern oder verändern? Geben wir auf oder wachsen wir daran?

 

Genau an diesem Punkt kommt ein Begriff ins Spiel, der mich in den vergangenen Jahren immer mehr beschäftigt hat: Resilienz. Resilienz bedeutet nicht, hart zu werden oder keine Tränen mehr zu vergießen. Sie bedeutet auch nicht, dass uns Herausforderungen nichts mehr ausmachen. Sie beschreibt vielmehr die Fähigkeit, sich mit Gottes Hilfe immer wieder aufrichten zu lassen und an den Erfahrungen des Lebens zu wachsen. Ein Satz des Psychoanalytikers Viktor Frankl begleitet mich dabei bis heute. Er schreibt sinngemäß, dass wir die Krise nicht zuerst fragen sollten: „Warum passiert mir das?“, sondern zulassen dürfen, dass die Krise uns fragt: „Was kann ich daraus lernen?“ Ebenso hat mich ein Gedanke des Pastors Craig Groeschel herausgefordert. Er sagt sinngemäß: „Der Unterschied zwischen dem, wo du heute stehst, und dem, wo Gott dich hinführen möchte, ist oft genau der Schmerz, den du noch nicht bereit bist auszuhalten.“

 

Das klingt zunächst beides unbequem. Ehrlich gesagt hätte ich mir viele Schmerzen in meinem Leben gerne erspart. Und ich glaube auch nicht, dass Gott all diese Dinge geplant oder gewollt hat. Aber ich habe erlebt, dass er mitten im Schmerz gegenwärtig ist und selbst aus den zerbrochensten Momenten unseres Lebens Neues wachsen lassen kann. Das macht den Schmerz nicht gut, aber es lässt ihm auch nicht das letzte Wort.

 

Eine andere Definition von „Erfolg“

Vielleicht sollten wir deshalb auch neu darüber nachdenken, wie wir Erfolg eigentlich definieren. Lange dachte ich, Erfolg hätte etwas mit Verantwortung, Einfluss oder gelungenen Projekten und großen Zahlen zu tun. Heute sehe ich das anders. In Gottes Augen misst sich Erfolg nicht zuerst an Ergebnissen, sondern an unserer Treue. An einem demütigen Herzen. An der Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen und Jesus nachzufolgen – auch dann, wenn der Weg durch Krisen führt.

Schöner scheitern heißt nicht, elegant zu fallen. Schöner scheitern heißt, sich immer wieder von Gott aufrichten zu lassen.

Wenn ich heute auf die vergangenen Jahre zurückblicke, staune ich manchmal selbst. Hätte mir jemand am Tiefpunkt meiner Krise gesagt, dass ich einige Jahre später den vierten weltweiten Kongress der Lausanner Bewegung hauptverantwortlich mitorganisieren dürfte, ich hätte es wohl kaum geglaubt und wäre dieser Person eher mit schallendem Gelächter begegnet. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, überhaupt jemals wieder Verantwortung zu übernehmen. Zu tief saßen die Wunden und zu groß waren die Zweifel. Heute sehe ich darin einen Beweis dafür, dass Gott meine Geschichte weitergeschrieben hat, obwohl ich längst dachte, sie sei vorbei. Nicht mein Scheitern hatte das letzte Wort, sondern seine Treue. Wenn ich heute auf meine Geschichte zurückblicke, wünsche ich mir den Schmerz trotzdem nicht zurück. Aber ich würde Gottes Treue darin auch nicht mehr missen wollen.

 

Unsere Narben erzählen deshalb nicht nur von Schmerzen. Sie erzählen auch davon, dass Gott uns getragen und nicht losgelassen hat. Nach all den Jahren würde ich den bekannten Satz – „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“ – deshalb vielleicht etwas anders formulieren: „Hinfallen, aufstehen, Gott vertrauen, weitergehen.“ Denn vielleicht sitzt die Krone manchmal schief. Vielleicht bleiben sogar sichtbare Narben zurück. Aber unser Leben wird nicht länger von unserem Scheitern erzählt, sondern von Gottes Treue und genau darin liegt für mich die größte Hoffnung. Heute würde ich sagen: Schöner scheitern heißt nicht, elegant zu fallen. Schöner scheitern heißt, sich immer wieder von Gott aufrichten zu lassen.

ZUM MITNEHMEN

 

✔︎ Welche Vorstellung von Gott trägst du in dir? Erwartest du vor allem ein Leben ohne Leid oder vertraust du darauf, dass Gott dich auch mitten hindurchträgt?

 

✔︎ Wenn du auf deine eigene Geschichte schaust: Wo kannst du heute bereits erkennen, dass Gott selbst schmerzhafte Erfahrungen gebraucht hat, um dich wachsen zu lassen?

 

✔︎ Resilienz entsteht nicht über Nacht. Welcher kleine Schritt könnte dir helfen, mit Gott hoffnungsvoll weiterzugehen?

DR. EVI RODEMANN

(Jg. 1971) lebt im Großraum Hamburg und arbeitet als Theologin und Eventmanagerin. Ihr Schwerpunkt ist die junge Leitergeneration. Dafür engagiert sie sich in der internationalen Arbeit der Lausanner Bewegung und in ihrem Verein „LeadNow“, am liebsten bei einem Earl Grey Tee.

 

Ihr Buch „Scheitern erwünscht – Warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen“ ist im Verlag R. Brockhaus erschienen.

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