Wie heißt’s?
NARBEN DER SEELE
Wie Wunden zu Stärken werden
Wer hat’s geschrieben?
Heiko Bräuning, Jahrgang 1969, Pfarrer a. D. der Württembergischen Landeskirche. Er ist freiberuflich tätig als Hörfunk- und Fernsehjournalist, Musiker, Moderator und Autor. Nachdem er den TV-Gottesdienst „Stunde des Höchsten“ (Bibel TV) Nachfolgern übergab, ist er jetzt Gastgeber des Fernsehgottesdienstes „Gunst der Stunde“ (www.gunstderstunde.tv ).
Worum geht’s?
In einem Satz: Um Minderwertigkeitsgefühle und ihre Verwandlung in Stärken. In für einen Autor unglaublicher Offenheit beschreibt Bräuning seelische Wunden, die ihm zugefügt worden und die daraus resultierenden Minderwertigkeitsgefühle. Die ersten 46 Seiten geben Einblick in seine Erfahrungen in der Schule, während des Theologiestudiums und seiner multimedialen Berufstätigkeit. Immer hat ihn das Gefühl der Minderwertigkeit begleitet.
An Seite 47 folgen Kapitel, die seine Flucht nach vorne schildern. Bräuning ließ sich von seinen Minderwertigkeitsgefühlen nicht unterkriegen. Er sagt: „Was ich bin und was ich kann, verdanke ich meinen Minderwertigkeitsgefühlen. Sie waren und sind Motor und Kraft für mein Werden.“ So beschreibt er sich in verschiedenen Kontexten: Er sieht sich als Werdenden, als begierig Lernenden, der immer Hunger hat nach mehr. In dem starken Kapitel „Ändere die Richtung deiner Gedanken!“ gibt er Leserinnen und Lesern präzise formulierte Schritte, die eine Wende vom Opfer zum Gestalter einleiten. In diesen Kontext gehören auch seine guten Gedanken über das ständige Vergleichen. Ist es Fluch oder Segen? Interessante Beobachtungen über „Biblische Aspekte des Vergleichens“ schließen sich an.
Es folgen Kurzbiografien der Bibel, die dazu helfen „Minderwertigkeitsgefühle in der Bibel“ zu entdecken. Kain, Mose, David, Gideon, Jeremia, Elia, Jona, Petrus und Paulus werden als Menschen beschrieben, die allesamt irgendeine Form der „Minderwertigkeit“ empfunden haben. In klassischen Bibelarbeiten und Predigten fehlt dieser Aspekt oft. Aber es gibt Hoffnung: Heiko Bräuning zeigt, wie Gott trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieser Schwächen diese Männer als Zeugen seines mächtigen Eingreifens in die Geschicke dieser Welt benutzt. In diesem Zusammenhang behandelt er auch Minderwertigkeitsgefühle in der Gesellschaft, in der Kirche und in der Diakonie.
Die restlichen Kapitel befassen sich damit, „Wie aus Wunden Stärken werden“. Bräuning geht in die Tiefe und beschreibt Schritte, die er selbst gegangen ist – und die jede Leserin, jeder Leser auch gehen kann. Biblische und psychologische Beobachtungen und Argumente zeigen, worum es wirklich geht und was jede und jeder erleben kann. Mit der Anerkennung von Schwächen und Defiziten verschiedenster Art wird ein Grundstein gelegt. Darauf wird das Haus der Möglichkeiten gebaut, die jedem Leben Hoffnung und Perspektive geben. Wenn dann noch das Vertrauen auf Gott hinzukommt, der uns in Jesus die Liebe in Person gesandt hat, dann können schrittweise aus Wunden wirkliche Stärken werden.
Wie ich es finde.
Gerade in diesen Tagen las ich in einem Buch die folgende Zusammenfassung unserer menschlichen Befindlichkeit, die gerade in unserer Zeit sehr deutlich wird: „Alle Menschen fühlen sich unzulänglich. Alle Menschen fühlen sich unsicher. Alle Menschen wollen geliebt werden. Sie menschliche Natur ist nicht fix und fertig, sondern in einem permanenten Veränderungsprozess“ (zitiert aus „Rock me, Dostojewski!“ von Markus Spieker und David Bühne). Das trifft auch zu einhundert Prozent meine eigene Einschätzung des menschlichen – und damit meines – Dilemmas.
Das ist eine gute Zusammenfassung, worum es in Bräunings leicht lesbaren menschenfreundlichen Buch geht. Ich finde es mutig, wie er uns Einblick in sein Fühlen und Denken gibt. Das macht Mut, sich den Baustellen in der eigenen Biografie zu stellen. Wir müssen nicht mehr, wie der Philosoph Blaise Pascal es formulierte, etwas vor den unangenehmen Abgrund stellen, auf den wir zulaufen, damit wir ihn nicht mehr sehen. Wir können uns ehrlich machen, ohne in Hoffnungslosigkeit zu verfallen. Das ist eine der starken Botschaften dieses Buches.
Für mich ist „Ändere die Richtung deiner Gedanken“ das Schlüsselkapitel des Buches. Es bleibt also nicht bei der Introspektion, die letztlich zur Verzweiflung führen kann. Unter anderem heißt es hier: „Es kommt aber darauf an, mit Gefühlen richtig umzugehen. Wir dürfen die Gefühle beherrschen. Die Gefühle dürfen uns nicht beherrschen. Das setzt eine intensive Wahrnehmung und Reflexion voraus, um sich seinen Gefühlen selbst bewusst zu werden. Und zu erkennen, was Auslöser, was Trigger für bestimmte Gefühlsregungen sind.“
Sehr gut hat mir der „Minderwertigkeits-Blick“ auf Gestalten der Bibel gefallen, die sonst meist als Glaubenshelden gehandelt werden. Dieser fokussierte Blick macht sie zu „Menschen wie wir“ (wie es Jakobus im Blick auf den Propheten Elia einmal formuliert). Sie kommen uns näher. Sie werden zum Beispiel, wie Gott Menschen – eben auch uns Normalos – dank seines Eingreifens trotz oder gerade wegen vorhandener Defizite für sein Reich gebrauchen kann.
Als lösungsorientier Zeitgenosse waren mir anfangs die ersten Schilderungen seiner Minderwertigkeitsgefühle fast zu viel. Doch im weiteren Verlauf der Lektüre wurde ich mit den angebotenen Perspektiven mehr als versöhnt. Die praxisorientierten letzten Kapitel, wie Minderwertigkeitsgefühle Schritt für Schritt überwunden werden können, habe ich als positives Gegenstück zu den Schilderungen am Anfang des Buches gelesen.
Die oben genannten Themenblöcke des Buches hätte vielleicht der Verlag im Inhaltsverzeichnis klarer kennzeichnen können. Andererseits: Hätte ich mich gleich auf die lösungsorientierten Kapitel stürzen können, wäre mir die implizite Aufforderung zu einem ehrlichen Umgang mit dem eigenen Leben entgangen, die sich in der Schilderung erfahrener Wunden und Minderwertigkeitsgefühle befindet. Für das therapeutische Lesen ist also alles gut, so wie es ist.
Wer sollte es lesen?
Eigentlich jeder, der sich der Baustelle der Minderwertigkeitsgefühle in seinem Leben bewusst ist. Und den Mut hat, sich ihnen zu stellen. Auch Frustrierte, die oberflächliche rein psychologische Ratgeber satthaben und die zusätzlich eine christlich-spirituelle Perspektive ganz konkret ist eigene Leben übernehmen wollen. Kurz: Menschen, die eine konkrete ganzheitliche Ermutigung aufzusaugen bereit sind.
Wo ist es erschienen?
Herder Verlag, 176 Seiten, EUR 20,– (Buch geb.), EUR 15,99 (E-Book)
HEINZ-MARTIN ADLER
war 63 Jahre mit Margret verheiratet und ist seit kurzem Witwer, Vater, Großvater und Urgroßvater, war Verlagsmitarbeiter, Geschäftsführer, Trainer und Erwachsenenbildner und befindet sich heute im aktiven Unruhestand.