Falls du zu den Menschen gehörst, die (noch) keine schweren Krisen zu durchleiden hatten, dann mag es dir so vorkommen, als könntest du auf diesen siebten Schritt verzichten. Einerseits stimme ich dir zu: Man sollte nicht versuchen, sich Problemen zu stellen, die es nicht gibt. Andererseits fehlt dann der Einübung in die Achtsamkeit ein Kernelement, ohne das sich der ganze Weg auf ein Wellnessprogramm zur Selbstoptimierung reduzieren könnte. Nichts gegen Wellness, aber darin liegt nicht der Sinn von Achtsamkeit. Ohne das Kernelement kommt die Tiefe nicht zustande, die der Achtsamkeitsübung die Bedeutung als Kraft zur Veränderung zum Fortschritt der Menschlichkeit gibt. Menschlicher zu werden ist das tiefe und hohe Ziel der Übung.
Der Schlussstein des Einübens von Achtsamkeit
Im Mittelalter folgte auf den Baustil der Romanik die Gotik. Den Unterschied kann man leicht an den Fenstern und Türen der Gebäude erkennen: In der Romanik haben sie Rundbögen, in der Gotik Spitzbögen. Die Spitze symbolisiert einen Pfeil, der aufwärts strebt. Aber dass der neue Stil entstand, hatte auch einen schlichten bautechnischen Grund: Die beiden Seiten der Einfassung stützen sich von selbst dort, wo sie aufeinanderstoßen. Für die romanische Bauweise brauchte man hingegen einen Schlussstein am höchsten Punkt der Rundung, um die beiden Seiten zusammenzubringen und zusammenzuhalten. Das war aufwändiger und komplizierter.
Die Symbolik ergänzt sich aber: Durch den romanischen Schlussstein wird das Ganze eine stabile, runde Sache. Mit dem gotischen Symbol kommt die Stabilität durch die Ausgewogenheit des Aufwärtstrebens zustande. Die beiden Seiten weisen über sich hinaus nach oben, und in dieser Ausrichtung treffen und verbinden sie sich. Indem das geschieht, entsteht das Bild vom Pfeil, der wie ein Wegweiser auf uns wirkt. Wir sind eingeladen, selbst nach oben zu schauen. „Oben“ ist bei aller Übung der Achtsamkeit das Ideal der wahren Menschlichkeit.
Das menschlich Höchste stellt sich als konstruktive Antwort auf das menschlich Tiefste ein. Darum hat das Sterben Jesu am Kreuz für den christlichen Glauben fundamentale Bedeutung. Eine tiefere, schlimmere Leidenserfahrung, als so wie er zu sterben, gibt es nicht. Und zugleich können wir darin den Höhepunkt seiner Liebe erkennen. Sein Sterben macht ihn für uns zum idealen wahren Menschen. Ihm blieb nichts erspart und seine Antwort darauf war das übermenschlich erscheinende Festhalten an Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Aber nein, es war nicht übermenschlich. Es war das, was wir uns als wahre Menschlichkeit vorstellen können. So sieht es aus, wenn jemand auch unter den furchtbarsten Umständen bis zum letzten Atemzug seine Würde wahrt, und das heißt: Dieser Mensch rückt nicht im Geringsten von seinen höchsten Werten ab, selbst unter den allergrößten Qualen nicht.
Durch Abkapselung schützen wir uns: Wir wollen nicht den Schmerz von Verletzungen erleben. Das geht aber auf Kosten der Menschlichkeit, denn menschlicher werden heißt verletzlicher werden.
Mit der Einübung von Achtsamkeit zur Wellnessoptimierung kommen wir nicht weit. Wir werden uns zu wenig auf die Übung der Geduld einlassen und wir werden das achtsame Kommunizieren vernachlässigen. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir noch mehr als zuvor um uns selbst kreisen.
Sich aussetzen
Lass uns ein wenig diesen Ausdruck meditieren: „Sich aussetzen“. Wenn man ein Lebewesen aussetzt, versetzt man es aus einer Komfortzone in rauere Verhältnisse. Wenn wir sagen, dass wir einer bestimmten Erfahrung ausgesetzt sind, meinen wir damit irgendein Leiden, das uns zugefügt wird. Wenn wir uns aber selbst einer solchen Erfahrung aussetzen, geschieht es freiwillig: Ich verlasse die Komfortzone. Es kann daran liegen, dass ich unvernünftig bin oder dass es mir zu langweilig geworden ist. Es kann aber auch den guten Grund haben, dass ich nicht am Leben vorbei leben will. Das Risiko jeder Komfortzone ist die Risikovermeidung. Wir kapseln uns ab, wir schließen uns ein. Wir verlieren dadurch unsere Aufgeschlossenheit für das, was uns das Leben zumuten möchte, damit wir teilhaben am Fortschritt der Menschlichkeit.
Durch die Abkapselung schützen wir uns: Wir wollen nicht den Schmerz von Verletzungen erleben. Das geht aber auf Kosten der Menschlichkeit, denn menschlicher werden heißt verletzlicher werden. Sich achtsam aussetzen bedeutet, sich auf das Risiko einzulassen, nicht nur verletzlicher zu werden, sondern auch verletzt zu werden.
Wenn ich mich achtsam auf dich einlasse, indem ich empathisch ganz an mich herankommen lasse, was dich bewegt, empfinde ich mit dir, was du empfindest. Wir sagen Mitgefühl dazu. Ich lasse es mir zu Herzen gehen – ich leide mit. Echtes Mitgefühl und Mitleid kann nur entstehen, wenn wir die Komfortzone verlassen. Ich lasse mich treffen von dem, was meinen Mitmenschen betrifft – es macht mich betroffen. Es ist wie ein Stich, der mir jetzt weh tut. Es verletzt mich so, wie es dich verletzt. Ich trage mit an deiner Last, es wird mir schwer.
Lass uns noch einen weiteren Ausdruck meditieren: Selbstmitleid. Das Wort ist ganz negativ, aus gutem Grund. Es bezeichnet genau dieselbe Haltung zu uns selbst, die wir auch andern gegenüber einnehmen, wenn unser Mitleid nicht echt und ehrlich ist. Es ist ein Mitleid ohne Empathie. Es kommt nicht wirklich bei mir an, wie es dir und mir tatsächlich geht, ich mache mir nur ein oberflächliches Bild davon, weil ich es gar nicht wirklich an mich heranlassen will; ich möchte mich dieser Realität nicht aussetzen, und das kompensiere ich durch einen Aktivismus des Jammerns und billigen Tröstens. Ich komme weder zu dir noch zu mir selbst. Das ist unachtsam.
Wenn ich aber empathisch für mich selbst bin, dann bin ich ehrlich zu mir selbst. Ich stelle mich meiner eigenen Realität so, wie sie ist. Ich ersetze die Wahrnehmung nicht durch Selbstmitleid. Ich lasse zu, dass es sich genau so anfühlt, wie es jetzt eben ist, und genau so nehme ich mich selber an. Ich fühle mich verletzt? Es nimmt mich mit, was du zu leiden hast? Ja, es tut weh, so weh tut es. Ja, so schwer ist es, so schlimm für dich und für mich.
Ich kann nur zu mir kommen und bei mir sein, wenn ich für mich bin. Das ist die Voraussetzung dafür, dass ich mich mir selbst auch vorbehaltlos aussetze. Genau dasselbe gilt auch für meine Beziehung zu dir. Unsere deutsche Sprache hat eine schöne Formulierung dafür: Ich mag dich leiden! Das ist ziemlich identisch mit „Ich liebe dich“.
Wenn Emotionen übermächtig werden
Große Themen der heutigen Psychoszene sind Vulnerabilität und Resilienz. Vulnerabilität heißt „Verletzlichkeit“, gemeint ist die Anfälligkeit einer Person für besonders starke emotionale Reaktionen, die ihr selbst und ihren Mitmenschen nicht guttun. Wir nennen das auch unsere „wunden Punkte“. Resilienz ist die gewachsene Fähigkeit, sich sogar durch sehr starke Emotionen nicht irritieren zu lassen, wie ein Schiff, das bei hohem Wellengang ruhig seinen Kurs beibehält. Man könnte meinen, dass die Resilienz zunimmt, wenn die Verletzlichkeit abnimmt. Ideale Resilienz würde dann darin bestehen, so unverletzlich zu sein wie Siegfried nach dem Bad im Drachenblut. Viele Menschen legen es deshalb darauf an, so cool zu werden, dass sie geradezu vereisen. Leider kann man dann auch über Leichen gehen.
Das ist Pseudo-Resilienz und sehr unachtsam. Echte Resilienz besteht nicht in der Ausschaltung starker Emotionen, sondern sie wächst durch den Umgang damit heran. Ich kann meinen Kurs halten, weil ich mich von meinen Emotionen nicht mehr übermäßig beeindrucken lasse. Eine hohe Welle kommt auf mich zu, aber ich bleibe gelassen im Vertrauen darauf, dass ich sie meistern werde. Es wird mich durchschütteln, okay, so sind hohe Wellen nun einmal, aber ich werde nicht untergehen. Zum Beispiel spüre ich eine hohe Welle der Angst, aber ich habe keine Angst mehr vor der Angst.
ACHTSAMKEITSSCHRITT NR 7:
Die ABC-Methode
Wenn der Wellengang zu hoch wird, bekommen wir Schwierigkeiten damit, in aller Ruhe achtsam zu bleiben, weil die Ruhe einfach nicht mehr da ist. Wir erleben sozusagen einen Aufstand im Gehirn, vergleichbar mit einem Fieberschub. In solchen Situationen braucht die Übung der Achtsamkeit Unterstützung durch eine Navigationshilfe, damit wir weiter auf Kurs bleiben können. Das ist die bewährte ABC-Methode aus der Kognitiven Verhaltenstherapie.
Erinnere dich bitte an eine konkrete Situation, auf die du stark emotional reagiert und dadurch dich selbst und vielleicht auch anderen Schwierigkeiten gemacht hast.
Zeichne jetzt jetzt die Tabelle unten ab und trage dem Beispiel gemäß darin ein, um welchen Anlass (A) es sich handelte und du emotional darauf reagiert hast (C), weil du die Situation dementsprechend bewertetet hast (B). Überlege nun, welches Bedürfnis (E) du angesichts dieses Anlasses eigentlich gehabt hättest und welche alternative Bewertung des Anlasses dir sehr geholfen hätte (D), um sich achtsam der Erfüllung des Bedürfnisses zu widmen. Wenn du mit der Übung fertig bist, hast du eine Vorlage, die du für alle besonders schwierigen emotionalen Zustände verwenden kannst, um wieder zu einem achtsamen Umgang mit den jeweiligen Anlässen zurückzufinden.
