Die ersten sieben Achtsamkeits-Schritte waren so etwas wie ein Anlauf zum achten Schritt. Dieser Schritt ist kein Weitsprung, der nun alle Energie erfordert, sondern ein Schritt wie die andern auch, dessen Sinn aber darin besteht, ihn Tag für Tag zu wiederholen, und, wenn es geht, zu intensivieren.

 

In diesem Schritt vereinen sich die sieben bisherigen Schritte zu einem neuen Modell deiner Alltagswirklichkeit. Stell dir vor, du würdest ein Lied einüben: Du hast dir zuerst die einzelnen Teile erschlossen. Jetzt bist du soweit, das ganze Lied zu singen und zu spielen. Jeder Tag ist eine Strophe. Du gibst nicht mechanisch die Noten wieder, du spielst und singst es lebendig. An jedem Tag hört es sich ein bisschen anders an. Du kannst variieren und improvisieren. Je nachdem, wie du dich fühlst, erklingt es mal in Dur und mal in Moll. Aber es dreht sich immer alles um die schlichte Melodie der Achtsamkeit.

 

Du spielst nicht das Lied vom Tod. Im Gegenteil: Das Lied der Achtsamkeit ist das Lied der dankbaren Lebensbejahung. Geschrieben ist es in Dur. Alle Molltöne wollen sich irgendwann wieder in Durtöne verwandeln. Aber wenn Moll der Wirklichkeit entspricht, ist es genauso gut.

 

Das Lied besteht aus den Inhalten der ersten sieben Schritte. Es ist das Ganze dieser Teile. Am besten fügen wir sie also jetzt noch einmal zusammen, um damit den achten Schritt zu beschreiben.

 

1. Schritt: Ein Gespür für den Unterschied entwickeln

Die acht Schritte zur Einübung der Achtsamkeit sind Schritte auf dem Weg zur Selbstbestimmung. Die Melodie des Lieds ist deine eigene Lebensmelodie. Daraus erklären sich auch die Variationen und Improvisationen. Die Achtsamkeit ermöglicht zwar, im Hier und Jetzt die Lebensmelodie zu hören, aber nie in letzter Klarheit und Eindeutigkeit. Ein Weg ist die Übung der Achtsamkeit nicht nur, weil das Leben uns dazu nötigt, immer weiterzugehen, sondern weil das Leben dabei auch etwas Gutes mit uns vorhat: Wir sollen werden, wer wir sind. Wir sollen noch mehr zu uns kommen auf dem Weg. Der Achtsamkeitsweg ist identisch mit dem Weg der Selbstfindung. Wenn ich zu mir gekommen bin und ganz bei mir bin, kann ich vernünftige Entscheidungen treffen, die mir selbst guttun, weil sie zu mir passen. Meine Selbstachtung wacht über die Entscheidungen. Ich wahre meine Würde. Ich gehe gut mit mir um. Ich sorge achtsam für mich selbst. Echte, gesunde Selbstbestimmung ist identisch mit echter, gesunder Selbstsorge. Den ganzen Tag über befinden wir uns im Spannungsfeld zwischen Selbstsorge und Selbstentfremdung. Wir können nur gut für uns selbst sorgen, wenn wir eine freundliche und empathische Haltung zu uns selbst einnehmen.

Du spielst nicht das Lied vom Tod. Im Gegenteil: Das Lied der Achtsamkeit ist das Lied der dankbaren Lebensbejahung.

Einerseits können wir nur achtsam sein, wenn wir von allen vorschnellen Urteilen Abstand nehmen, aus denen dann auch unbedachte Entscheidungen werden. Andererseits lebt alle Achtsamkeit sozusagen von einem Basisurteil, auf das wir uns immer neu zurückbesinnen: Es ist gut, die Wirklichkeit zu bejahen, wie sie ist, um ihr gerecht zu werden. Bejahen kann ich sie nur, wenn ich sie auch so wahrnehme und ernstnehme, wie sie ist. Aufgrund dieses Urteils entscheide ich mich dafür, den Zustand relativer oder auch starker Unachtsamkeit jederzeit zu verlassen und wieder achtsam zu werden. Ich bleibe dabei, das Gespür für den Unterschied zwischen Achtsamkeit und Unachtsamkeit zu entwickeln und zu pflegen. Ich sensibilisiere mich dafür, um es der Achtsamkeit so leicht wie möglich zu machen, in meiner Alltagswirklichkeit die Hauptrolle zu spielen.

 

2. Schritt: Achtsamkeit intensiv erleben

Wenn die Achtsamkeit zur Normalität wird, verflacht sie nicht. Würde sie verflachen, wäre es keine Achtsamkeit mehr. Im Gegenteil: Ich übe immer weiter und dadurch sensibilisiere ich mich auch noch mehr für die Achtsamkeit. Das geht aber nicht automatisch, sondern indem ich beständig darauf zurückkomme, die Übung der Achtsamkeit zu intensivieren. Manche Tage erlauben das nicht, weil wir ein hohes Maß von Aktivität brauchen und darum kaum zur Ruhe kommen können, weil Einflüsse von außen unsere Konzentration erfordern, weil wir es mit besonders starken Emotionen zu tun haben oder körperliche Beschwerden unsere Wahrnehmungsfähigkeit beschlagnahmen und schwächen. Umso wichtiger ist es, dass wir dann rechtzeitig wieder zu Ruhe und Besinnung kommen, statt uns in solchen Zuständen zu verlieren. Es ist ein Gebot der Selbstsorge, darauf zu achten, dass solche Phasen die Ausnahme von der Regel bleiben.

 

Immer wieder die Gelegenheit zu ergreifen, die Übung der Achtsamkeit zu intensivieren, ist die Regel der Achtsamkeit als Lebensstil. Wir entschließen uns, weil die Umstände es erlauben, auf unser Gespür für die Unterscheidung zu achten, was es in der gegebenen Situation bedeuten kann, mehr oder weniger achtsam zu sein. Wir entscheiden uns hier und jetzt für die Intensivierung des achtsamen Wahrnehmens und verhalten uns so. Das heißt: Wir kehren zur Basisübung zurück: Ganz bewusst nehme ich die Wirklichkeit einfach nur wahr, so wie sie gerade ist, ohne mich davon ablenken zu lassen. Und wenn ich mich doch ablenken lasse, mache ich kein Problem daraus, sondern nehme auch das als Wirklichkeit einfach nur wahr. Im Zentrum meiner Aufmerksamkeit steht der Atem.

 

3. Schritt: Ganz ernsthaft bei der Sache sein

Wenn die Achtsamkeit zum Lebensstil wird, dann verschwimmt die Grenze zwischen reiner Achtsamkeitsübung und Meditation. Das sind jetzt nur noch Schwerpunkte derselben Haltung. Die Meditation unterscheidet sich von der reinen Achtsamkeitsübung nur dadurch, dass wir achtsam ein bestimmtes Interesse verfolgen. Irgendein Interesse verfolgen wir immer, aber bei der reinen Achtsamkeitsübung richtet es sich auf nichts anderes als das Wahrnehmen dessen, was mir die Sinne jetzt gerade vermitteln. Zwar kann ich mich stets daran erinnern, mich wieder der Wahrnehmung meines Atems zu widmen, aber damit hört das Steuern auch schon wieder auf. Es ist so, als würde ich auf einem Pferd sitzen, mit den Zügeln in der Hand, aber auch mit der Vorentscheidung, das Pferd seinen Weg selbst finden zu lassen. Ich gebe ihm Impulse, damit es nicht stehenbleibt und zu fressen anfängt oder dergleichen, aber mein Interesse besteht nur darin, dass es weitergeht in dieser Richtung; wie es das tut, überlasse ich ganz ihm selbst. In der Reitersprache sagt man dazu: „Die Zügel hingeben“. Das Gegenstück dazu heißt: „Die Zügel aufnehmen“. Meditation unterscheidet sich von der reinen Achtsamkeitsübung dadurch, dass ich die Zügel aufnehme, um mich einem ganz bestimmten Ziel zuzuwenden.

Meditation unterscheidet sich von der reinen Achtsamkeitsübung nur dadurch, dass wir achtsam ein bestimmtes Interesse verfolgen.

Wenn ich mich dafür entscheide, die nächste Stunde achtsam die Wohnung zu putzen, kann ich das mit gutem Grund als Meditation bezeichnen. Ich meditiere das Putzen, ich putze meditativ. Das heißt: Ich bin ganz ernsthaft bei der Sache und lasse mir Zeit dazu. Ich setze mich nicht selbst unter Druck. Ich mache eins nach dem andern. Es muss nicht unbedingt perfekt sein, aber auch nicht nachlässig.

 

4. Schritt: Sich Zeit lassen

Meditativ putzen, naja, das klingt schon ein bisschen amüsant, weil man sich dabei vorstellt, dass es sehr bedächtig und ohne richtiges Zupacken vonstatten geht. Das mag schon sein, wenn ich zum Beispiel müde bin und keine Lust dazu habe. Dann kann ich mir achtsam sagen: Ich mache es trotzdem, weil es gut ist, aber es ist jetzt auch mühsam für mich. Ich brauche Geduld dazu und geduldig bin ich, wenn ich in Ruhe eins nach dem andern mache, statt mich sorgenvoll damit zu beschäftigen, was noch alles vor mir liegt und was für ein bemitleidenswerter Mensch ich bin. Geduld ist die Entscheidung, das Hier und Jetzt zu akzeptieren, wie es gerade ist. Aber es kann auch sein, dass ich dabei in eine Art leichte Trance komme; ich komme ein bisschen in Fahrt, es geht mir besser damit, und vielleicht macht es mir sogar Freude. Es kann sein, dass ich in den Flow komme. Ich bleibe zwar ruhig, aber bin gar nicht mehr sehr bedächtig und packe richtig zu. Sich Zeit lassen bedeutet auch, sich ungeteilt für das Zeit nehmen, was jetzt gerade zu tun ist.

 

5. Schritt: Interesse, Konzentration und Hingabe

Wenn ich mich dafür entscheide, mein Interesse ungeteilt auf Tätigkeiten und passive Zustände zu richten, von denen ich mir wünsche, dass sie bald vorüber sein mögen, ist meine Geduld besonders herausgefordert. Geduldig damit umzugehen heißt, diese Realität trotzdem zu bejahen und mir Zeit zu lassen, um ganz ernsthaft bei der Sache zu sein, die nun einmal so ist, wie sie ist. Wenn das aber zur Regel werden will, brauche etwas mehr Abstand, damit mir die Selbstsorge nicht verlorengeht. Es tut mir nicht gut, wenn ich mich mit zu vielen Angelegenheiten abgebe, die mir gegen den Strich gehen. Ich erlebe zu wenig Freude und zu viel Mühe oder Langeweile. Der Alltag wird grau, die Sonne zeigt sich nur noch selten. Es gibt Situationen und Phasen, in denen das unvermeidlich ist, aber achtsam gehen wir nur damit um, wenn wir uns bewusst machen, dass uns dann wirklich etwas fehlt, und größerer Mangel, den ein Organismus erlebt, macht ihn irgendwann krank. Selbstsorge beinhaltet darum, gut darauf zu achten, dass wir bekommen, was wir brauchen, um uns freuen zu können und zufrieden zu sein. Wenn das geschieht, können wir es genießen, und wenn es sich dabei um eigene Tätigkeiten handelt, die Konzentration erfordern, können wir leicht in den Flow kommen, wenn wir uns dazu Zeit lassen und ganz ernsthaft bei der Sache sind. Dann geht es uns nicht nur gut, sondern wir fühlen uns auch gut, und es kommen kaum Zweifel daran auf, dass unser Dasein Sinn hat.

 

6. Schritt: Sich verständigen

Am meisten brauchen wir gute Beziehungen. Der Apostel Paulus hat dafür einen guten Rat formuliert: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Römer 12,17+18) Eine gute Weisung ist das, weil es uns guttut, sie zu befolgen. Wer für sich selbst sorgt, geht achtsam selbstbestimmt mit den Beziehungen zu seinen Mitmenschen um. Selbstbestimmung heißt hier: Ich lasse mein Verhalten dir gegenüber nicht von deinem Verhalten mir gegenüber bestimmen. Leider kann das nicht immer heißen, dass wirklich alles gut wird zwischen uns. Aber ich kann dafür sorgen, dass es nicht an mir liegt, wenn nicht spürbar Friede einkehrt. Das ist einer der wichtigsten Aspekte des achtsamen Lebensstils. Wir nennen das die soziale Achtsamkeit. Ja, das ist auch eine Art Meditation: Ich richte mein ganzes Interesse darauf, konstruktiv zu bleiben. Wenn es Sinn hat und möglich ist, übernehme ich die Initiative, Verständigung zu erreichen. Wenn das zu schwierig ist oder gar nicht geht, bleibe ich trotzdem offen dafür und gebe meine Konstruktivität nicht preis.

 

7. Schritt: Sich vorbehaltlos der Realität stellen

Achtsamkeit ist etwas sehr Schönes und soziale Achtsamkeit erst recht. Aber sie ist nicht ohne die andere Seite der Münze zu haben, und das ist die Geduld. Wenn die Geduld dominiert, müssen wir einiges aushalten, was uns nicht gefällt und schwer wird. Wir haben etwas zu ertragen, das uns stark belastet. „Ertragen“ heißt auf Lateinisch „tolerare“. Wenn etwas nur schwer für mich zu ertragen ist, sage ich auch: „Ich kann es nur schwer tolerieren“. Es geht an meine Toleranzgrenze.

Es ist Irrsinn, sich der Realität zu verweigern. Es ist vernünftig, sich ihr zu stellen.

Warum trage ich diesen Rucksack? Ich würde ihn gern loswerden. Aber jammern hilft nicht, dadurch ändert sich ja nichts und so mache ich es mir nur noch schwerer. Voraussetzung dafür, dass ich damit gut umgehen oder auf vernünftige Weise etwas daran ändern kann, ist die vorbehaltlose Akzeptanz dieser Wirklichkeit. Ja, genau so fühlt sich das an, so schlimm ist es tatsächlich, so weh tut es, so enttäuschend ist es, so schwer, das ist die Realität, und weil es die Realität ist, darf es sein. Es ist Irrsinn, sich der Realität zu verweigern. Es ist vernünftig, sich ihr zu stellen. Und wer sich ihr stellt, der nimmt sie an: Gut, das ist jetzt eben die Herausforderung, vor die das Leben mich stellt.

 

Wie sieht meine achtsame Antwort aus? Ich bleibe allen Menschen gegenüber konstruktiv, und genauso auch mir selbst gegenüber. Und ich verweigere mich nicht dem Leben mit seiner Zumutung, sondern ich vertraue darauf, dass ich eine Antwort finden und geben kann und werde, durch die sich das Blatt wendet. Es soll etwas Schönes, Gutes, Erfreuliches daraus werden.

 

So zeigt sich: Achtsamkeit als Lebensstil ist nichts anderes als Lebenskunst. Das ist durchaus eine hohe Kunst. Es ist die Kunst, ganz zu sich selbst zu kommen und ganz bei sich zu bleiben, ganz selbstbestimmt, um meiner Bestimmung gerecht zu werden. Es ist die Bestimmung, ganz Mensch zu sein – und ganz Mensch zu sein bedeutet, ganz menschlich zu werden.

Dr. Hans-Arved Willberg

ist Sozial- und Verhaltenswissenschaftler, Theologe und Philosoph. Er leitet das Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) und ist selbstständig als Rational-Emotiver Verhaltenstherapeut (DIREKT e.V.) und Pastoraltherapeut, Trainer, Coach und Dozent mit den Schwerpunkten Burnout-Prävention und Paarberatung sowie als Buchautor tätig. 

 

www.isa-institut.de

 

 www.life-consult.org

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