Kaum einer gibt es zu, aber auch in Sachen „guter Sex“ ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Nicht selten kollidieren nämlich falsche Erwartungen und überhöhte Ideale mit der Realität im Schlafzimmer. Die Frauenärztin und Sexualberaterin Dr. Ute Buth über unsere sexuelle Lerngeschichte, nicht vollzogenen Sex und Wege zu einer erfüllenden Partnerschaft.

 

Das Paar, das vor mir sitzt, ist nun schon einige Jahre verheiratet. Die beiden bezeichnen sich gegenseitig als gute Freunde und ihre Ehe läuft an sich sehr gut – wäre da nicht dieses leidige Thema „Sexualität“. Schon von Anfang an zieht sich hier eine frustrierende Linie durch ihr Eheleben. Dabei hatten sie doch vermeintlich „alles richtig gemacht“ und sogar aus Überzeugung mit dem Sex gewartet, bis sie verheiratet waren. Doch schon die Hochzeitsnacht war eine tiefe Enttäuschung und die Flitterwochen alles andere als entspannt.

 

Das hatten sie sich anders vorgestellt! In ihrer Fantasie hatten sie sich ausgemalt, dass sie den Sex sofort genießen würden. Unvorstellbar der Gedanke, keinen Sex in der Ehe zu haben – wieso auch? Doch dann war plötzlich alles „grenzenlos“. Niemand hatte sie darauf vorbereitet, wie es ist, wenn häufiger nur einer von beiden Lust hat. Sie wussten nicht, wie sie mit unterschiedlichem Verlangen umgehen sollten, ob man „nein“ sagen darf oder sich dann dem anderen womöglich schon entzieht.

 

Seine sexuelle Lerngeschichte kennen

Wer Paaren, die bis zur Ehe mit dem Sex warten, sagt, sie würden nun wie zwei weiße, unbeschriebene Blätter in die gemeinsame Sexualität starten, mag es gut meinen, verrichtet aber einen Bärendienst. Denn „unbeschrieben“ sind sie tatsächlich nur für die gemeinsame Sexualität, wenn sie nicht bereits vorher miteinander aktiv waren. Doch ihre sexuellen Lerngeschichten haben sich natürlich bereits lange zuvor entwickelt, starten diese im Unterbau doch mit dem Beginn des Lebens schon im Mutterleib. Aus einer befruchteten, bereits geschlechtlichen Eizelle sind wir alle geworden. Mit jeder Zellkopie geben wir die genetische Information weiter. Wir sind durch und durch geschlechtlich. Alle Informationen, die wir im Laufe des Lebens über Sex erhalten – Gefühle, Handlungen, Positives wie Negatives – speichern wir ab und verknüpfen sie höchst individuell mit weiteren Lerninhalten. Doch anders als bei einer Computerfestplatte, auf der man unliebsame Lerninhalte markieren, löschen und neu programmieren kann, gleicht unser Gehirn einem lebenslang aktiven Webteppich. Alte Muster können wir nicht mit der Schere herausschneiden, wir können nur aktiv umweben, alte Fäden „auslaufen lassen“ und neue Fäden „einweben“.

Niemand ist sexuell ein „unbeschriebenes Blatt“. Denn alle Informationen, die wir im Laufe des Lebens über Sex erhalten – Gefühle, Handlungen, Positives wie Negatives – speichern wir ab.

Ein solches Umlernen ist in vielen Bereichen möglich, doch es erfordert Zeit, Energie und ein konsequentes Einüben neuer Lerninhalte. Und selbst das bedeutet noch nicht, dass auch das Gefühl automatisch mit an Bord kommt. Deshalb ist es so wichtig, sich gut zu überlegen, womit man seinen Speicher füllen möchte. Man kann sich zum Beispiel keinen Pornofilm anschauen und erst nachher entscheiden, ob man ihn speichern möchte – denn wir speichern, während wir sehen.

 

Einander Raum schenken

Was bedeutet nun diese individuelle Lerngeschichte für den gemeinsamen Sex? Zwei Menschen, die noch keinen Sex hatten, gleichen demnach am ehesten zwei hochkomplex gewebten Teppichen mit ganz individuellen Mustern. Keine zwei Lerngeschichten sind gleich. Ehe bedeutet Anpassung – auch in sexueller Hinsicht. Und so ist es ganz und gar nicht verwunderlich, wenn der Start in die gemeinsame Sexualität mitunter etwas holprig verläuft und die eine oder andere Irritation auftritt.

 

Wer zuvor gelernt hat, seine eigene Sicht der Dinge nicht absolut zu setzen, gemäß dem Motto des Talmuds „Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie wir sind“, und wer um die Eckpunkte der Entstehung seiner sexuellen Lerngeschichte weiß, ist in der Lage, die ganze Angelegenheit deutlich entspannter und gelassener anzugehen. Wer hingegen auf den Hauptgewinn in der Hochzeitsnacht abzielt, wird mitunter zutiefst enttäuscht. Dabei deckt eine Ent-täuschung im Grunde genommen nur die Täuschung auf, dass dieser Preis so nicht ausgelobt wurde.

 

Problematisch ist auch eine ungute Prägung, die entstehen kann, wenn in dem Versuch Jugendliche von Sex fernzuhalten, dieser an sich als ungut oder gar schmutzig etc. dargestellt wird. Machen wir uns hier nichts vor: Wieso sollte jemand, der dies in seiner Lerngeschichte wieder und wieder abgespeichert hat, lediglich durch das Eingehen der Ehe auf wundersame Art plötzlich anders über Sex denken?

 

Mit Prägungen weise umgehen

Wiederum andere befürchten, durch die Erfahrungen, die sie mit vorherigen Partnern gesammelt haben, im Blick auf ihre Ehe zu viel an sexuellem Ballast mitzubringen. Hier halte ich es für wichtig, sich der Einflüsse auf die eigene Lerngeschichte klarzuwerden – und auch der Gefahr des Vergleichens: „Wie war sie – wie ist meine Frau heute?“, „Was hat er getan – und was tut mein Mann?“

Mitunter entstehen auch ungute Dynamiken. Einer von beiden bringt Vorerfahrungen mit – der andere, unerfahrene Partner, denkt, dass er nicht „mithalten“ kann und vertraut sich darum blind der vermeintlichen Expertise des anderen an. Mit der Folge, dass das kreative Potenzial des unerfahrenen Partners oftmals brachliegt. Das Paar entwickelt dann womöglich keine ausgewogene gemeinsame Sexualität, sondern gibt stattdessen den Erfahrungen des erfahrenen Partners sehr viel Raum. Daher ist es wichtig, dass der unerfahrene Partner nicht passiv bleibt, sondern sich mit einbringt und von dem erfahrenen Partner einfühlsam und bewusst dazu ermutigt wird.

 

Das große Tabu: Nicht vollzogene Sexualität

Viel zu wenige Paare wissen übrigens um das große Tabuthema der nicht vollzogenen Sexualität. Sie fühlen sich zutiefst beschämt, wenn sie die vermeintlich „einfachste Sache der Welt“, die „jeder kann“ nicht ausüben können. Fakt ist: Nicht vollzogene Sexualität (Synonyme sind „nicht vollzogene Ehe“ oder auch sogenannte „Josefsehen“) kommt gar nicht so selten vor! Viele Paare aber suchen sich erst dann Hilfe, wenn sie allein über Jahre partout nicht weiterkommen, besonders aber dann, wenn sie einen unerfüllten Kinderwunsch haben. Sie behelfen sich zwischenzeitlich oft mit anderen Formen der Intimität, nicht selten aber kommt Sexualität auch ganz zum Erliegen, weil das Thema inzwischen zu frustrierend ist und jede Anbahnung erneut an das Defizit erinnert.

 

Sex als Idee Gottes

Wie kann ein Paar nun den Rahmen „Sexualität“ mit Inhalt füllen? Die Bibel sagt sehr wenig Konkretes dazu, wie genau Sexualität in der Ehe gelebt werden soll – und das ist gut so! Denn das schenkt Paaren einen kreativen und gesunden Handlungsrahmen.

 

Zentral finde ich, sich mit den verschiedenen Bedeutungen von Sex vertraut zu machen, und sich klar zu werden, dass Gott uns damit ein „Gesamtpaket“ gibt. Ja, in bestimmten Lebensphasen stehen bestimmte Aspekte im Vordergrund – zum Beispiel, wenn das Paar sich Kinder wünscht. Doch Vorsicht: Auch das sollte nicht auf Kosten der Romantik und der Beziehungsebene gehen! „Sex nach Plan“ um ein Kind zu zeugen, kann die gemeinsame sexuelle Lerngeschichte erheblich prägen, teils auch weit über den eigentlichen Kinderwunsch hinaus.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – auch in der Sexualität nicht! Nehmen Sie den Druck aus Ihrem Sexualleben, seien Sie barmherzig mit sich selbst und Ihrem Gegenüber.

Je weniger wir versuchen, Sex zu fragmentieren, also ihn in seine Einzelteile zu zerlegen – entweder nur zum Spaß, aber ohne Verantwortung, oder aber nur zur Zeugung ohne jegliche Romantik – desto mehr können wir gewinnen. Sex ist Ausdrucksform unserer Geschlechtlichkeit, Möglichkeit der Fortpflanzung, Quelle von Lust, Freude und ekstatischen Gefühlen. Beim Orgasmus werden Bindungshormone ausgeschüttet. Sex ist größtmögliche Nähe, ist Offenbarung der eigenen Identität, ermöglicht das gegenseitige tiefe Kennenlernen und Begegnungen auf allen drei Ebenen mit Körper, Seele und Geist. All das aber muss wachsen und sich mehr und mehr entfalten dürfen.

 

Und wenn es Probleme gibt?

Wenn es nun bei einem Paar nicht so erfüllend läuft, wie es sich beide wünschen, rate ich ihm, sich gute Informationen zu suchen, um zu klären, ob Fehlinformationen und falsche Annahmen in den Lerngeschichten zu ihrer Situation beitragen. Es ist immer auch gut, an persönlichen „Baustellen“ und der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten, denn diese löst der enge Rahmen einer verbindlichen Beziehung häufig auch aus. Der Sexualtherapeut David Schnarch nannte eine langfristige Beziehung eine „Mensch-Entwicklungsmaschine, in der wir uns aneinander schleifen.“ Die Verbindlichkeit der Ehe trägt so auch zu unserer Reife bei!

 

Kommt ein Paar mit sexuellen Schwierigkeiten allein nicht klar, ist es gut beraten, sich früh fachkundige Hilfe zu suchen, ehe sich ungute Muster festsetzen. Oft ist Sexualberatung auch eine Art „Aufklärung für Erwachsene“, in der falsche Erwartungen, ungute Vorstellungen und Identitätsprobleme ans Tageslicht kommen dürfen.

 

Mitunter ergeben sich in der Begleitung weitere medizinische Fragen. Diese klärt man ergänzend zur und vorbereitet durch die Sexualberatung am besten mit dem Facharzt.

Vor allem bei vorschnellen Ratschlägen zu Intimoperationen, wenn der Sex nicht klappt, sollte man vorsichtig sein. Diese sind in aller Regel nur dann indiziert, wenn spezielle anatomische Hindernisse vorliegen; ist der Scheideneingang lediglich straff oder eng, haben speziell angeleitete Dehnübungen gute Erfolge. Andere Eingriffe können sogar zu einer Traumatisierung führen, die den Sex noch schwieriger oder gar unmöglich machen kann!

 

Am allermeisten aber hilft auch bei diesem Thema ein guter Schuss Gelassenheit. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – auch in der Sexualität nicht! Nehmen Sie darum den Druck aus Ihrer Sexualität. Seien Sie barmherzig mit sich selbst und dem Gegenüber und leben Sie Ihre gemeinsame Sexualität nach dem entspannenden Motto: „Wir sind auf einem guten Weg. Und wenn wir auf diesem Weg auch mal einen Lotsen brauchen, dann darf das sein!“

 

Fragen zur Vertiefung

 

Weiß ich um meine sexuelle Lerngeschichte? Was hat mich geprägt? Was davon empfinde ich als hilfreich, was belastet mich womöglich noch?

 

Weiß ich, wo ich notfalls Hilfe oder Rat bekomme? Z. B. wenn ich mit meinen Fragen und Elementen meiner sexuellen Lerngeschichte nicht weiterkomme?

 

Wie intensiv habe ich mich mit den verschiedenen Bedeutungen von Sexualität schon beschäftigt? Wie möchte ich noch dazu lernen?

 

Wie gut kann ich, wie gut können wir als Paar über Sex reden? Habe ich durch meine Aufklärung überhaupt Worte dafür – oder muss ich mich erst dazu überwinden? Welche Schritte helfen mir dabei? (z. B. Lesen von verständlicher Fachliteratur, Büchern, Webseiten etc.)

Dr. med. Ute Buth

ist Frauenärztin und Weißes Kreuz-Fachberaterin. Sie leitet die Beratungsstelle „herzenskunst“ in Bochum und ist Buchautorin u. a. von „Frau sein – Sexualität mit Leib und Seele“.

 

www.herzenskunst-beratung.de

 

 

Foto: Sven Lorenz, Essen

 

 

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